Meinen Hass bekommt ihr nicht

130 Menschen starben bei den Terroranschlägen in Paris am 13. November 2015. Eines der Opfer war die Frau des französischen Radiojournalisten Antoine Leiris. Mit einem Facebook-Eintrag wendete sich der 34-jährige Witwer nur Tage nach dem Attentat direkt an die Attentäter. "Meinen Hass bekommt ihr nicht“, stellte er klar. In dem soeben auf Deutsch erschienenen Buch erzählt Antoine Leiris nun die Geschichte hinter dem Facebook-Eintrag – seine ganz persönliche Leidensgeschichte.

Kontext, 6.5.2016

Hanna Ronzheimer

Der junge Familienvater Antoine Leiris sitzt am 13.November abends in seiner Pariser Wohnung und wartet darauf, dass seine Frau von einem Rockkonzert zurückkommt. Es ist ein ruhiger Abend. Der 17 Monate alte Sohn Melvil schläft längst, die Abendlektüre langweilt. Dass in der Stadt gerade über hundert Menschen sterben, bekommt Antoine Leiris erst durch die SMS einer Bekannten mit: "Seid ihr in Sicherheit?" Der verwunderte Blick auf das Handy, der Griff zur Fernbedienung. Die Schlagzeile "Attentat im Bataclan" auf dem Bildschirm.

In kurzen Kapiteln versucht Antoine Leiris, das innere und äußere Geschehen in den Tagen nach dem 13. November in Worte zu fassen. In knappen Beschreibungen durchlebt auch der Leser eines der schlimmsten erdenklichen persönlichen Szenarien. Die Tage nach dem Attentat sind geprägt vom anfänglichen Nichtwahrhabenwollen bis zu Erklärungen an den Sohn, welcher, der Sprache selbst noch nicht mächtig, von der Trauer um seine Mutter völlig überwältigt wird. Vater und Sohn werden aber auch von einer Brigade französischer Mamas ungefragt bekocht, sie erleben eine gesellschaftliche Reaktion auf ein persönliches Schicksal, wie es Menschen normalerweise nicht zukommt. Es ist eben diese gesellschaftliche Dimension seiner Geschichte, die Leiris eines Tages eher spontan dazu bringt, die berühmt gewordenen Zeilen in sein Facebook - Profil zu schreiben. Er findet erstaunlich klare Worte an die Täter – mit ihnen will er sich selbst und seinen Sohn aus ihrer Lethargie befreien.

Das Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" ist ein hoch emotionaler Essay, der aber auch an den kitschigen Stellen nicht seine Glaubwürdigkeit verliert. Es ist die ehrliche Zustandsbeschreibung eines Menschen, der vom persönlichen Leid und später auch von der gesellschaftlichen Erwartung erdrückt zu werden droht. Und dem die Botschaft seiner Geschichte zu wichtig ist, um sie bei einem Facebook-Eintrag zu belassen.

Service

Antoine Leiris, "Meinen Hass bekommt ihr nicht", Verlag Blanvalet 2016