Von Emmanuel Carrere
Das Reich Gottes
Wie erzählt man "Geschichte"? Ist nicht jede Geschichtsschreibung subjektiv gefärbt? In seinem neuen Werk über das Urchristentum versucht der französische Autor und Filmemacher Emmanuel Carrere erst gar nicht objektiv zu bleiben: "Das Reich Gottes" ist ein schriftstellerisches Wagnis zwischen Dokumentation und Fiktion.
8. April 2017, 21:58
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Emmanuel Carrere, "Das Reich Gottes", aus dem Französischen von Claudia Hamm, Matthes & Seitz Verlag
Originaltitel: "Le Royaume"
Der autofiktionale Erzähler ist in seiner ideologisch dominanten christlichen Phase diversen Konflikten ausgesetzt, und einer davon ist, dass er sich in psychoanalytischer Behandlung befindet, in der Gott nun einmal nicht oder nur als Projektion vorkommen kann. Darüber hinaus bezieht sich Carrere ebenso vehement wie humorvoll auf den amerikanischen Science-Fiction-Autor Philip K. Dick.
Als sich ein unordentliches und egomanisches amerikanisches Kindermädchen um eine Arbeit bewirbt, stellt Carrere sie trotz Bedenken ein, da sie behauptet, einmal Philip K. Dick im Kalifornien der wilden Siebziger Jahre begegnet zu sein. Kaum ist sie eingestellt, wird ihm sein Fehler aufgezeigt, denn die Amerikanerin entpuppt sich als raffinierte Wohnsitzlose, die als Künstlerin gescheitert ist und die überhaupt nicht an die Betreuung der Kinder denkt.
Die Zeichen der inneren Welt können bei einem religiös ausgerichteten Blick auf eine grotesk-absurde Weise in komplexe Situationen führen. Diese erzählt Carrere mit großer Könnerschaft, furchtlos, ohne Tabus und radikal bis zum Schluss.
