Ich und die Anderen

Das Milieu verändert sich, nationale Typen verlieren an Bedeutung, die Illusion der selbstverständlichen Identität wird aufgebrochen und es entwickeln sich pluralistische Züge. Charims Beschäftigung mit der Frage, wie Menschen in einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft zu ihren Identitäten kommen, führte bald zum Thema ihrer Sommervorlesungen: "Ich und die Anderen".

Isolde Charim

"Isolde Charim: Ich und die Anderen", ORF-CD 790

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Denken und Leben" – das ist nicht nur der Titel einer Ö1 Sendereihe und sehr erfolgreichen CD-Edition mit Konrad Paul Liessmann über das Werk und die Biografie bedeutendster Philosophen und einer Philosophin; es ist ein Thema, das das Leben vieler Ö1 Hörerinnen und Hörer betrifft: Denn jenseits von einem persönlichen Universum von Befindlichkeiten, Ich-AGs und schnellen Reaktionen auf irgendwelche aktuellen Ereignisse braucht jedes bewusste Leben das Denken. Analysieren, abwägen, was "der Fall ist", was es zu dekonstruieren gilt und was man selbst konstruiert, empfindet, auf welcher Basis man anderen Menschen begegnet.

Charim bewertet nicht, sie untersucht, analysiert und stellt Zusammenhänge her, in einer Zeit, in der Vielfalt zwar abgelehnt und geleugnet werden kann, aber – wie sie nicht müde wird festzuhalten – "ein unhintergehbares Faktum" ist. Es gibt keinen Weg zurück in eine homogene Gesellschaft – wir haben es heute in Europa (wie übrigens schon seit Jahrhunderten) mit vielen multiethnischen Gesellschaften zu tun, die Verbindung zur Entstehung der Demokratie und der Bildung von Nationalstaaten ist ein historisches Faktum, das so nicht mehr gilt. In Österreich leben zum Beispiel eine Million Menschen, die vom demokratischen Prozess in weiten Bereichen ausgeschlossen sind, die Identitäten und Loyalitäten werden zu mehrfachen. Das betrifft aber nicht nur Migranten und Migrantinnen, das betrifft jede/n Einzelne/n – man ist etwas und etwas anderes, und wenn man Glück hat, dann passt es so zusammen, dass diese mehrfachen Ichs auch von den anderen akzeptiert werden, weil sie erkennen, dass es bei ihnen ähnlich ist.