Radikalisierung

Ein Mann fährt mit einem LKW in eine Menschenmenge, ein anderer geht mit einer Axt auf die Passagiere in einem Regionalzug los. Es sind Fälle wie diese, die uns fassungslos zurück lassen. Wie können Menschen, die vorher ein unauffälliges Leben geführt haben, plötzlich zu kaltblütigen Mördern im Namen ihrer Religion werden? Diese Frage versucht der französische Soziologe Farhad Khosrokhavar in seinem neuen Buch zu beantworten, das den schlichten Titel "Radikalisierung" trägt.

Kontext, 29.8.2016

Im Lauf der Geschichte tauchen sie immer wieder auf: Gruppierungen, die für die bestehende Ordnung nur Verachtung übrig haben – und sie mit tödlicher Gewalt durcheinander bringen wollen. Das beginnt bei den Assassinen, die im Mittelalter von einer Festung im Iran aus Attentate verübten. Dann gab es die Anarchisten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, denen einige Staatsoberhäupter zum Opfer fielen – vom amerikanischen Präsidenten William McKinley bis zur österreichischen Kaiserin Elisabeth. Und natürlich die Rote Armee Fraktion oder die Action directe, die in den siebziger und achtziger Jahren mit Anschlägen und Entführungen Europa in Atem hielten. All diese Gruppen kommen vor in Farhad Khosrokhavars neuem Buch "Radikalisierung". Doch der französisch-iranische Soziologe konzentriert sich vor allem auf eine Gruppe, der schon länger sein Forschungsinteresse gilt: Dschihadisten, die im Namen des Islam Terroranschläge verüben.

Khosrokhavar wird nicht müde zu betonen, dass dieses Phänomen nur eine verschwindend kleine Minderheit der europäischen Muslime betrifft. Doch seine Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind enorm. Umso wichtiger die Frage, was in den Köpfen der Radikalisierten vorgeht, damit sie wildfremde Menschen umbringen und dabei den eigenen Tod in Kauf nehmen. Dafür hat Khosrokhavar jahrelang Fallstudien in französischen Gefängnissen durchgeführt – und einige Gemeinsamkeiten bei den Dschihadisten gefunden. Viele stammen aus zerrütteten Familien, haben ihre Jugend in trostlosen Vorstädten verbracht, ohne gesellschaftliche Aufstiegschancen. Nur in der Kriminalität sehen sie eine Möglichkeit, materiell zur Mittelschicht aufzuschließen. Und wenn sie dann im Gefängnis landen, wird ihr Gefühl der Ohnmacht zu blindem Hass – auf eine Gesellschaft, die ihnen keinen Sinn und keinen Halt im Leben gibt.

Eine neue Form der Radikalisierung sei auch durch den Bürgerkrieg in Syrien entstanden. Bisher haben sich mehr als 2000 Europäer dorthin auf den Weg gemacht. Viele von ihnen aus einer Revolutionsromantik heraus, bei der Khosrokhavar Ähnlichkeiten mit den Republikanern und Revolutionären sieht, die in den dreißiger Jahren im spanischen Bürgerkrieg kämpften. Doch in Syrien erwartet die jungen Dschihadisten ein totaler Krieg, aus dem sie indoktriniert, kampferfahren und abgestumpft gegenüber jeder Grausamkeit zurückkehren. Der Autor nennt sie die Hyperradikalisierten – und sieht in ihnen eine der größten Gefahren, denen Europa im kommenden Jahrzehnt gegenüber steht. Es ist alles andere als ein wohliges Gefühl, mit dem Farhad Khosrokhavar die Leser zurück lässt. Denn wie mit dieser Gefahr umzugehen ist, lässt auch ihn eher ratlos zurück: Dem Thema Deradikalisierung sind nur zwei knappe Seiten gewidmet.

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Farhad Khosrokhavar, "Radikalisierung", CEP Europäische Verlagsanstalt