Erzählungen von Pierre Drieu la Rochelle
Die Komödie von Charleroi
Im Jahr 2012 erschien erstmals ein Band mit einer Auswahl von Pierre Drieu la Rochelles Romanen, Erzählungen und Essays in Gallimards Klassiker-Reihe "La Pléiade". Ein Tabubruch war das nicht, denn der als Nazi-Kollaborateur verfemte Autor, war auch zuvor in Einzelausgaben in Frankreich erhältlich. Der Manesse Verlag hat nun eine Auswahl seiner Erzählungen über den Ersten Weltkrieg herausgebracht und gibt die Möglichkeit einen radikalen Stilisten und widersprüchlichen Pazifisten kennenzulernen.
8. April 2017, 21:58
Service
Pierre Drieu la Rochelle, "Die Komödie von Charleroi", Erzählungen, aus dem Französischen von Andrea Spingler, Eva Moldenhauer, Manesse Verlag
Originaltitel: "La Comédie de Charleroi"
Im März 1945 schluckte der französische Schriftsteller Pierre Drieu La Rochelle eine hinreichende Dosis Schlaftabletten und drehte die Gashähne auf. Ein Haftbefehl, der gegen ihn ausgestellt war, kam zu spät. Der Faschist und Kollaborateur Drieu hatte, wie er es einmal ausdrückte, "gespielt und verloren" und das verlorene Spiel nach seinen eigenen Regeln beendet. "Ich will sterben, aber nicht getötet werden", sagte er, der im Gegensatz zu einem anderen, ebenso belasteten Schriftsteller, nämlich Louis-Ferdinand Celine, nicht ins Ausland fliehen wollte.
Bis in die 1960er Jahre galt das Werk beider Autoren als unantastbar, ehe Kritiker, Verleger und andere Autoren begonnen haben, Person und Werk als unterschiedliche Einheiten zu betrachten. Pierre Drieu La Rochelles Bücher wurden in Frankreich wieder aufgelegt, doch seine Visionen vom Zerfall des Abendlands erlebten, wie es der Kritiker Francois Bondy einmal ausdrückte, "eine geradezu kultartige Zelebrierung in den Kreisen der frivolen Rechten". Ins Deutsche wurden einige Bücher wohl auch übersetzt, doch während Celines Roman "Reise ans Ende der Nacht" in den Kanon der Weltliteratur eingegliedert wurde, blieb an Drieu immer ein unangenehmer Geruch haften.
