Gastlländer der Frankfurter Buchmesse

Literaturszene Flandern und die Niederlande

Nach 1993 werden die Niederlande und Flandern zum zweiten Mal auf der Frankfurter Buchmesse (19. bis 23. Oktober) zu Gast sein. Eine literarische Rundreise.

Häuser in Amsterdam

Häuser an der Herengracht, Amsterdam

JERRY LAMPEN / EPA / picturedesk.com

Ex libris, 25.09.2016

Holger Heimann

Weltenwanderer Arnon Grünberg

Er ist der unangepasste, jung gebliebene Star der niederländischen Literatur: Arnon Grüneberg wurde gleich mit seinem ersten, autobiografisch grundierten Roman "Blauer Montag" berühmt. Ein junger Mann sucht darin bei den Huren Amsterdams Trost und kommt doch nicht damit zurande, dass ihn seine Freundin verlassen hat. Der Roman erschien im Original 1994. Ein Jahr später ging Grünberg von Amsterdam nach New York - und blieb. Seine Bücher schreibt er weiter auf Niederländisch.

Während der letzten Jahre hat der Autor viel Zeit in seiner Geburtsstadt verbracht und seine kranke Mutter bis zu deren Tod begleitet. In seinem aktuellen Buch "Muttermale" hat er die Beziehung zu ihr literarisch verarbeitet. Zugleich sind Erfahrungen eingeflossen, die er als freiwilliger Insasse einer psychiatrischen Anstalt gemacht hat. Solche Feldversuche sind typisch für Grünberg, er war "embedded" mit Soldaten in Afghanistan und im Irak und vor kurzem hat er im Schlachthof gearbeitet.

Service

Arnon Grünberg, "Muttermale", Roman, aus dem Niederländischen von Rainer Kersten und Andrea Kluitmann, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 448 Seiten
Originaltitel: "Moedervlekken", Lebowski, 2016

Wytske Versteeg, "Boy", Roman, aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt, Verlag Klaus Wagenbach, 240 Seiten
Originaltitel: "Boy", Prometheus, 2013

Thomas Heerma van Voss, "Stern geht", Roman, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure, Schöffling Verlag, 272 Seiten
Originaltitel: "Stern", Thomas Rap, 2013

Peter Terrin, "Monte Carlo", Roman, übersetzt von Christiane Kuby und Herbert Post, Berlin Verlag, 192 Seiten
Originaltitel: "Monte Carlo", De Bezige Bij, 2014

Frankfurter Buchmesse 2016

Verlagsszentrum Amsterdam

Das unbestrittene Zentrum einer sehr lebendigen Literatur- und Verlagsszene ist Amsterdam. Die vielen kleinen und mittelgroßen Literaturverlage befinden sich nahezu alle im Zentrum, viele in grandiosen alten Bürgerhäusern, die entlang der Grachten aufragen. Den etablierten und im deutschen Sprachraum bekannten und vielgelesenen Autorinnen und Autoren, wie Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Margriet de Moor und Connie Palmen, die von hier aus ihren literarischen Triumphzug starteten, folgten jüngere, deren Bücher vielfach jetzt zum ersten Mal auf Deutsch zu entdecken sind.

Der Verleger Christoph Buchwald, der zusammen mit seiner Frau den renommierten kleinen Cossee Verlag leitet, erklärt das auch mit exzellenten Rahmenbedingungen: "Zum einen haben die Niederländer und die Flamen eine sehr großzügige Autorenförderung. Hinzu kommt, dass - verglichen mit der Größe des Landes - vor allem in den Niederlanden sehr viele Verlage arbeiten."

"Boy" von Wytske Versteeg

Die 33-jährige Wytske Versteeg debütierte mit einem Sachbuch über Obdachlosigkeit - einem Thema, das sie schon während ihres Politikwissenschaftsstudiums beschäftigt hat. Heute arbeitet sie noch immer an der Uni, doch längst ist das literarische Schreiben zur Hauptsache geworden. In ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman "Boy" erzählt sie von einer Frau, die über den Selbstmord ihres adoptierten Sohnes nicht hinwegkommt.

Die wütende, verbitterte und verletzte Ich-Erzählerin kann sich und der Welt nicht verzeihen und sucht verzweifelt nach Schuldigen. Denn so viel steht fest: Der Junge, schon durch seine dunkle Hautfarbe als anders markiert, wurde in den Selbstmord getrieben. Versteeg verknüpft in ihrem klug komponierten und psychologisch genau gearbeiteten Roman das überzeugende Bild einer immer einsamer werdenden Frau mit der Frage, ob ein Land wie die Niederlande tatsächlich offen für Menschen ist, die anders sind.

Thomas Heerma van Voss

Mit seinem zweiten Roman, "Stern geht", gelang jetzt dem jungen Amsterdamer Autor und Kulturjournalisten Thomas Heerma van Voss der Sprung nach Deutschland. Hugo Stern hat Jahrzehntlang als Lehrer gearbeitet, der Unterricht gab ihm Halt und Struktur - bis der Kontrollfreak in den Vorruhestand soll. Sämtliche Informationen über seine Schüler hat er in 34 Ordnern abgeheftet. Sein Problem ist, dass sich das Leben nicht katalogisieren und so einfach handhabbar machen lässt. Nachdem er seinen Platz im Klassenzimmer verloren hat, entgleitet ihm auch die Kontrolle über seinen familiären Alltag. Seine Frau wird ihm fremd, der Sohn geht zunehmend eigene Wege. Durch seine frappierende Unfähigkeit zur Anpassung gerät Stern immer mehr ins Abseits. Thomas Heerma van Voss hat mit diesem eigenwilligen Mann das Porträt eines Sonderlings entworfen.

Außergewöhnliche Leseförderung

Mit einem Bücherball, einer von der Bahn gesponsert Buchwoche und dem Buchgeschenk stellt die im März stattfindende Buchwoche ein nationales Ereignis dar. "Ein Autor schreibt dafür einen Text von etwa hundert Seiten", erklärt Herausgeber Buchwald: "Wenn Sie für 12,50 Euro ein Buch in der Buchhandlung kaufen, bekommen Sie den Buchwochen-Titel gratis dazu. Hinzu kommt, wenn Sie an einem bestimmten Tag dieser Buchwoche mit diesem Buchwochengeschenk einen Zug besteigen, können Sie an diesem Tag mit dem Buchwochengeschenk als Fahrkarte gratis durchs ganze Land fahren."

Peter Terrins "Monte Carlo"

Die international ziemlich einzigartige Buchwoche verbindet die Niederlande und Flandern. Doch in vielerlei Hinsicht überwiegt ansonsten das Trennende zwischen den beiden Regionen. In Flandern werden vor allem flämische Autoren gelesen, in den Niederlanden hauptsächlich niederländische Autoren.

Peter Terrin gehört zu den bekanntesten Autoren in Flandern, aber sein Verlag kommt aus Amsterdam. Wer etwas auf sich hält und Erfolg haben will, der wird in den Niederlanden verlegt. Auf Deutsch kann man den Autor erst jetzt entdecken - mit einem ungewöhnlichen Buch: Terrin führt ins Jahr 1968 nach Monte Carlo: Ein Formel-1-Mechaniker schützt eine berühmte Schauspielerin vor einer Stichflamme und erleidet dabei selbst schwere Verletzungen. Der Autor hat nicht bloß einen Rennsport-Roman geschrieben. Er verfolgt vor allem das weitere Schicksal des Schwerverletzten. Dieser will nicht als Held gefeiert werden, aber ein wenig Dankbarkeit erhofft er sich doch. Als auch diese ausbleibt, zieht sich der körperlich und auch seelisch versehrte Mann mehr und mehr in sich selbst zurück.