Kinder am Ufer des Naynado Flusses in Ahero nahe Kisumu

APA/ROLAND SCHLAGER

Ngugi wa Thiong'o - Weltliteratur aus Kenia

Seit Jahren wird Ngugi wa Thiong'o als Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt. Als der 79-jährige Kenianer 2010 erstmals auf den Buchmacher-Listen aufgetaucht war, war er im deutschen Sprachraum so gut wie unbekannt. Heute wissen wir: Er steht für eine antikoloniale, aufklärerische Literatur und ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Ostafrikas. Derzeit ist er in Wien zu Gast und stellt seine Autobiografie vor.

Morgenjournal, 5.5.2017

Dekolonisierung des Bewusstseins

"Erinnerung macht uns zu dem, was wir sind", sagt Ngugi wa Thiongo. Und seine Erinnerungen sind eng mit der blutigen Geschichte des kolonialen Kenias verbunden. "Wie kannst du deine Narben in Sterne verwandeln, deine schmerzlichen Erinnerungen in Schönheit?", das sei für ihn die zentrale Frage.

Die Familie von Ngugi wa Thiongo wurde während des Mau-Mau-Krieges, dem Kampf der kenianischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die Herrschaft der Kolonialmacht Großbritannien, gefangengenommen, sein Stiefbruder starb, seine Mutter wurde gefoltert. Wenn er Jahre später die frühen Gewalterfahrungen zum Thema seiner Literatur machte, sei es ihm nicht zuletzt um eine Dekolonisierung des Bewusstseins gegangen, sagt Ngugi wa Thiong'o.

Ngugi wa Thiong'o

"Wie kannst du deine Narben in Sterne verwandeln, deine schmerzlichen Erinnerungen in Schönheit?"

DANIEL A. ANDERSON

Geburt eines Traumwebers

"Ich begann als kolonialer Untertan 1959 am Makerere University College in Kampala zu studieren und verließ die Universität 1964 als Bürger des unabhängigen Kenia", schreibt Ngugi wa Thiong'o in "Geburt eines Traumwebers", dem dritten Band seiner Autobiografie.

Dass er überhaupt in die Schule gehen durfte, erzählt er, verdanke er allein seiner hart arbeitenden Mutter. "Sie hat immer meine Hausübungen kontrolliert, obwohl sie weder lesen noch schreiben konnte. Aber sie hat immer wieder gefragt: Ist das das Beste, was du erreichen konntest?" – Diese Frage habe ihn auch noch als aufstrebender junger Autor begleitet, sagt Ngugi wa Thiong'o.

Er war noch keine 30 Jahre alt, als ihm mit Romanen wie "Abschied von der Nacht " und "Der Fluss dazwischen" internationale Erfolge gelangen. Sein Name stand nicht nur für afrikanische Erzählkunst, sondern auch für den Widerstand gegen die postkoloniale Herrschaft der Regierung von Jomo Kenyatta.

"Der gekreuzigte Teufel" - ein Roman auf Toilettenpapier

1977 wurde Ngugi wa Thiong'o dann wegen eines Theaterstücks inhaftiert. Ein Jahr lang saß er ohne Prozess in einem Hochsicherheitsgefängnis. "Dort habe ich für mich eine große Entscheidung getroffen und zwar: Ich beschloss, fortan in meiner Muttersprache zu schreiben, auf Kikuyu. Und noch im Gefängnis habe ich auf Toilettenpapier meinen Roman 'Devil on the Cross' geschrieben", erzählt Ngugi wa Thing'o.

Er war einer der ersten afrikanischen Autoren, die ihre Muttersprache zur Literatursprache machten. Und konsequent blieb er dabei, auch als er 1982 ins Exil ging - nach Großbritannien und später dann in die USA.

Weltliteratur

Auf Kikuyu schrieb er auch vor zehn Jahren sein Opus Magnum, den 1000-Seiten-Roman "Herr der Krähen ", eine satirische Abrechnung mit den Diktatoren Afrikas zwischen magischem Realismus und Groteske. "Ein literarisches Kunstwerk muss sich auch jenen vermitteln, die in dieser Kultur nicht zu Hause sind", sagt Ngugi wa Thiong'o. Es ist - kurz gesagt - Weltliteratur.

Service

Bücher von Ngugi wa Thiong'o:
"Wizard of the Crow", Roman, 2006. Übersetzung: "Herr der Krähen", aus dem Englischen von Thomas Brückner, A1 Verlag, München 2011
"Dreams in a Time of War - A Childhood Memoir", 2010. Übersetzung: "Träume in Zeiten des Krieges - Eine Kindheit", aus dem Englischen von Thomas Brückner, A1 Verlag, München 2010
"In the House of the Interpreter - A Memoir", 2012. Übersetzung: "Im Haus des Hüters - Jugendjahre", aus dem Englischen von Thomas Brückner, A1 Verlag, München 2013
"Birth of a Dream Weaver: A Memoir of a Writer's Awakening", New Press, 2016. "Geburt eines Traumwebers", Übersetzung Thomas Brückner, A1 Verlag, München 2016
Ngugi wa Thiong'o

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