Installationsansicht: How To Live Together

STEPHAN WYCKOFF

Die Kunst sich einzumischen

Die Kunsthalle Wien fragt nach der gesellschaftspolitischen Relevanz der zeitgenössischen Kunst und trifft damit einen wunden Punkt des aktuellen Kunstschaffens.

Christine Macel

AFP/VINCENZO PINTO

Christine Macel

2017 ist das Jahr der Kunst-Megaevents: Mitte Mai eröffnete die Biennale in Venedig, kommende Woche eröffnet die documenta in Kassel, die bereits Anfang April in Athen gastierte.

Während Biennale-Kuratorin Christine Macel in der zeitgenössischen Kunst eine neue Form von Spiritualität sucht, setzt der künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, schon alleine durch die Wahl des Zweitstandortes Athen auf gesellschaftspolitische Fragen. Daran anknüpfend fragt sich nun auch Kunsthallen-Direktor Nicolaus Schafhausen, welche Rolle die zeitgenössische Kunst gesellschaftspolitisch spielen soll und kann.

Wie soll sich die zeitgenössische Kunst positionieren – zwischen l'art pour l'art und Agitprop? Wie sich einmischen ins gesellschaftspolitischen Debattenfeld, ohne ideologisch in den Dienst genommen zu werden? Ein überhitzter Kunstmarkt, der die Preise für zeitgenössische Kunst in ungeahnte Höhen getrieben hat, drängt die Kunst zusehends in einen minoritären Schrebergarten der Eliten.

Installationsansicht: How To Live Together

How To Live Together. Mohamed Bourouissa, Périphérique, 2005-08

STEPHAN WYCKOFF

2016 lieferte der deutsche Publizist Wolfgang Ulrich das Schlagwort der Stunde. Er prägte den Begriff Siegerkunst und meinte damit, dass die Kunst zunehmend zum Statussymbol und Distinktionsmerkmal der Reichen und Superreichen werde. Breitenwirksamkeit ist längst kein Ziel mehr, Vermittlungsarbeit auch nicht.

Diese Rahmenbedingungen hat wohl auch Nicolaus Schafhausen im Blick, wenn er nun eine Gruppenausstellung programmiert, die künstlerische Positionen in den Fokus rückt, die gesellschaftspolitisch Stellung beziehen.

Kurator Nicolaus Schafhausen

"Wie positionieren wir uns als öffentliche, kulturelle Einrichtung? Lassen wir die Kunst Kunst sein? Oder sind wir dazu da Kommentare abzuliefern? Meiner Ansicht nach müssen wir Kommentare abliefern"

Christine Scheucher

Wolfgang Tillmans, Anti-Brexit Campaign

GALERIE BUCHHOLZ

Wolfgang Tillmans, Anti-Brexit Campaign

Willkommen im minoritären Schrebergarten der Eliten

"How to live together" lautet also der Titel der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Wien. Ein Titel, der bewusst breit gefasst ist und freilich alles und nichts beinhalten kann.

Man könnte Kurator Nicolaus Schafhausen den Mangel konzeptueller Schärfe vorwerfen. Doch wie die meisten seiner Ausstellungen lebt auch diese Ausstellung von der geschickten Auswahl internationaler Positionen, die ästhetisch wie inhaltlich im Zeitgeist verankert sind.

Da wäre zum Beispiel Turner-Preisträger Wolfgang Tillmanns, der mit einer künstlerischen Kampagne, die vor allem in den Sozialen Netzwerken kursierte, gegen BREXIT warb. Auch wenn es nicht geholfen hat, ein Best-of seiner Arbeiten ist nun in der Kunsthalle Wien zu sehen. "So fantastisch diese Form des Protests ist. Die Arbeit kam zu spät. Künstler haben zu spät reagiert und damit meine ich auch uns als Kulturschaffende", sagt ein selbstkritischer Nicolaus Schafhausen.

Einen Bezug zu tagespolitischen Diskussionen haben auch die Arbeiten der deutschen Starfotografin Herlinde Koelbl. Der Europarat beauftragte Koelbl eine Serie zum Thema Flucht zu fotografieren. Für den Zyklus "Refugees" reiste Koelbl zu den Brennpunkten der Flüchtlingskrise an die Küsten Italiens und Griechenlands und sie besuchte Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland.

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Fotografin Herlinde Koelbl

"Ich wollte wirklich einen Überblick geben, der die aktuelle Situation zeigt. Die Menschen kommen an und wenn eine Tragödie passiert, sind die Medien da und dann verblasst alles wieder, die Schlagzeilen geraten in Vergessenheit, aber dann beginnt das neue Leben dieser Menschen erst und dieses Leben wollte ich zeigen."

Christine Scheucher

Wenn die Schlagzeilen verblassen

Schlafstätten in riesigen Hallen, wo Menschen in provisorisch abgegrenzten Kojen nebeneinander hausen, ein dunkelhäutiger Mann gehüllt in eine Wärmedecke: Herlinde Koelbl zeigt das Einzelschicksal hinter der Statistik und sie macht die Materialschlacht der großen Fluchtbewegung, die unseren politischen und gesellschaftlichen Alltag prägt, sichtbar: Etwa wenn sie tausende aufeinandergestapelte Schwimmwesten fotografiert, Treibgut an den Küsten Griechenlands und Italiens. Ein Bild von erschreckender Eindrücklichkeit, das einerseits an die große historische Katastrophe vergangenen Jahrhunderts erinnert, an die Lager und die Menschen, die darin umkamen. Andererseits handelt es sich um ein Bild, das deutlich macht, dass das Geschäft mit der Flucht floriert. Nicht nur für die Schlepper.

Rettungswesten

Herlinde Koelbl Greece, Lespos, Kara Tepe1 (aus der Serie: Refugees), 2016

Herlinde Koelbl, Courtesy die Künstlerin

Herlinde Koelbl

"Die Menschen kommen ja nicht von sich aus. Natürlich kommen sie, weil sie sich ein neues Leben wünschen, weil sie weg müssen, oder wollen. Aber natürlich steht da ein Gewerbe dahinter, sonst würden sie nicht über das Mittelmeer kommen. Sie können ja nicht übers Meer schwimmen. Insofern braucht es eine gewisse Industrie dahinter und diese wird durch diese Schwimmwesten versinnbildlicht."

Christine Scheucher

Gelatins Duftspuren

In der Ausstellung "How to live together" sind auch zahlreiche Skulpturen des österreichischen Künstlerkollektivs Gelatin zu sehen. Im gesamten Ausstellungsraum hat das Kollektiv gewissermaßen Duftspuren hinterlassen, in Form von Skulpturen, die nur eilig zusammengeschustert wurden aus Alltagsmaterialien wie Schaumstoff, Müll, Sperrholz.

Entstanden sind die Arbeiten im Rahmen einer großen Performance im Berliner Schinkel Pavillon. "Das sind Versuchsanordnungen. Man probiert, ob es möglich ist, gemeinsam etwas zu schaffen. Mit Leuten, die man teilweise zum ersten Mal sieht, eine Skulptur zu entwerfen, ist nicht leicht. Wenn man gemeinsam arbeitet, muss man sich auf eine gemeinsame Sprache einigen. Das heißt man muss sich zurücknehmen, andererseits will man auch nicht zum Assistenten der Gäste degradiert werden.

Man kann also nicht genau planen, was bei so einer Aktion rauskommt. Das ist das Interessante.", sagt Florian Reither vom Künstlerkollektiv Gelatin. "Die kollaborative Kunstpraxis als erster Schritt, neue Formen des Zusammenlebens zu erproben, im Fokus der Ausstellung „How to live together“, die brisanterweise bis zum Tag der Nationalratswahl am 15. Oktober zu sehen ist.

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Kunsthalle Wien - How To Live Together

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