Renate Welsh-Rabady

APA/HERBERT NEUBAUER

Ein Besuch bei der Schriftstellerin Renate Welsh-Rabady

"Ich bin einfach davon ausgegangen, dass Sie mit mir einen Kaffee trinken", sagt Renate Welsh-Rabady lächelnd, "aber wir können gern schon anfangen zu reden." Filzpatschen? Milch, Zucker, Kuchen? Womit nehmen Sie auf? Und was machen Sie sonst so? "Meine hervorstechendste Eigenschaft", wird sie später sagen, "ist eine unstillbare Neugier auf Menschen." Es klingt fast wie eine Entschuldigung.

"Nur nicht schreiben, ist schlimmer, als schreiben."

Am 22. Dezember wird die Schriftstellerin 80 Jahre alt; seit knapp 50 Jahren schreibt sie - für Kinder, Erwachsene, "Menschen aller Arten". Ihr Werk ist vielfältig, es reicht von Bilderbüchern über Romane bis zu Hörspielen, und wurde mehrfach preisgekrönt. "Das jüngste Buch, Zeit ist (k)eine Torte, hat mir sogar ein bisschen Spaß gemacht", sagt sie, denn eines sei über all die Jahre unverändert geblieben: "Nur nicht schreiben, ist schlimmer, als schreiben."

Die eine Hälfte des Jahres lebt Renate Welsh-Rabady mit ihrem Mann in einer Wohnung im siebenten Bezirk in Wien, die andere Hälfte verbringt sie in Hilzmannsdorf in Niederösterreich. Dort, im Garten, begann im Grunde ihr Schaffen, auch wenn sie Geschichten schreibt, seit sie schreiben kann: Bei einem Sturz vom Marillenbaum brach sich die damals als Übersetzerin Tätige den dritten Halswirbel. Wochenlang war unklar, ob sie je wieder würde gehen können, die Übersetzung, an der sie arbeitete, konnte sie nicht abschließen und begann, ein Buch zu schreiben.

"Die Welt fragt nicht, ob das, was einem Kind widerfährt, zumutbar ist."

Buchcover, Das Vamperl, gezeichnete Frau mit Vampir

DTV JUNIOR VERLAG

Seither sind fast hundert Bücher erschienen. Die Geschichten vom Vamperl, einem kleinen Vampir, der grantigen Menschen das Gift aus der Galle saugt, wurde ein Welterfolg; doch in den meisten Büchern beschreibt sie die Realität: Fremdenfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, das Leben mit einer depressiven Mutter, manches ist autobiografisch.

Das sei Kindern doch nicht zumutbar, bekam sie häufig zu hören, "aber die Welt fragt nicht, ob das, was einem Kind widerfährt, zumutbar ist. Und am schlimmsten ist es, wenn Kinder glauben, sie sind ganz allein damit." Was Kindern zugemutet wird, liest sie in den zahlreichen Briefen, die junge Menschen ihr auch fast 40 Jahre nach dem Vamperl schreiben - "und ich beantworte die Briefe auch".

"Ich war überzeugt, ich hätte meine Mutter umgebracht."

Das sei eine erste "Alterserscheinung": "Wenn ich zu einer Lesung in eine Schule komme, passiert es, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer mir einen Brief bringt, in einer Klarsichtfolie, und sagt: Den haben Sie mir damals geschrieben."

Ihre Kindheit beschreibt Renate Welsh-Rabady als unglücklich. Der Vater hätte sich einen Sohn gewünscht und aus seiner Enttäuschung keinen Hehl gemacht. "Ich hatte immer das Gefühl, etwas beweisen zu müssen." Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter an einem Hirntumor. "Ich war überzeugt, ich hätte meine Mutter umgebracht." Das Gefühl, nicht zu genügen, sei bis heute geblieben - aber im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wuchsen die Schuldgefühle zu einem Verantwortungsgefühl.

"Du machst Fenster auf, wo keine sind."

Bevor sich die Schriftstellerin an ihren großen, alten Kanzleischreibtisch setzt, recherchiert sie - aus Überzeugung und aus Neugier. Wie ist die Arbeit einer Magd; wie fühlt es sich an, den ganzen Tag Rüben zu ziehen? Für den Roman Johanna hat sie es drei Tage lang gemacht, bis sie es im Rücken gespürt hat. "Neugier ist ein Motor, der zu Empathie führen kann", sagt sie.

Mit dem Roman Johanna, der Lebensgeschichte ihrer ehemaligen Nachbarin in Hilzmannsdorf, begann Renate Welsh-Rabady das stellvertretende Schreiben. "Ich glaube, dass man das, was einem widerfährt, auch gestalten kann - mithilfe der Sprache." Seit Jahren animiert sie andere, ihre Gedanken auf Papier zu bringen. "Es ist wichtig, dass ein Mensch seine eigene Geschichte, die manchmal nur eine Last scheint, in Besitz nehmen kann."

Die Schreibwerkstätten mit obdachlosen Menschen, Kindern, Alkoholkranken oder Bergbäuerinnen sind ein unverzichtbarer Teil ihres Lebens geworden, in dem sie auch mit dem "Zuhören" anstecken möchte, "weil es Mut macht, etwas zu sagen, dass dir vielleicht schwerfällt".

Sie selbst lernte das Zuhören als Kind: Im Auftrag ihres Vaters, der Arzt war, brachte sie den Patientinnen und Patienten die Medikamente nach Hause, "und die haben mir ganz viel erzählt". Damals begann sie auch, Sätze, die ihr gut gefallen haben, zu sammeln - was sie bis heute tut. Einer der schönsten war ein Geschenk von einer Schreibwerkstatt-Teilnehmerin: "Du machst Fenster auf, wo keine sind."