Beat Furrer

David Furrer

Form - Konzept - Struktur

Klänge als Bewegungen erfahrbar - unteilbares Ganzes. Struktur als Gravitationskraft - gleichsam aus sich selbst heraus wuchernd - den Klängen nachhorchen wohin sie von sich aus streben.

Form ereignet sich. Form kann nicht durch technisch analysierbare Struktur ersetzt werden: Form als übergeordnete, historisch bedingte Kategorie - abhängig von Formen der Wahrnehmung - Erwartung - ereignet sich im Spannungsfeld zwischen Konzept und dessen Überschreitung - zwischen Technik und Stil - also kein Sicherheitsnetz objektivierbarer Techniken: das Erfüllen von noch so komplexen Formeln bedeutete nur Ohnmacht des Komponisten gegenüber dem Problem der Form als stilistisch-historische Erscheinung.

Auch das Entfernteste zulassen, ohne in Willkür und Belanglosigkeit abzustürzen: Überschreiten von in sich geschlossenen, einheitlichen Form-Konzepten: Klänge sind keine neutralen, in Parameter zerlegbare Materialien.

Auch das Entfernteste zulassen (vergl. Cy Twombly): Kräfte erfahrbar machen - Form als Frage nach der Folge dem Zeitpunkt der Entscheidungen im Prozess der Komposition.
(Cage's "Silence" - ein Gespräch über Form ohne Metaphern bzw. technische Beschreibungen - wird selbst zur musikalischen Form)

Form ereignet sich: in der Überlagerung von Prozessen - Verwandlung und Überlagerung von Gesten - in der virtuellen Durchdringung von "statischen", durch Wiederholungen dominierten Strukturen und prozesshaften Folgen von Ereignissen. Formen ohne Anfang und ohne Ende: Vertikalisierung von liearen Veräufen - Stillstand in grösster Bewegung und Veränderung in der Wiederholung.

Anstelle der Vorstellung von linear verlaufender Zeit, sukzessiven, quasi "kausalen" Verkettungen: Vielschichtigkeit, sich durchdringende Strukturen: ein sich in Bewegung befindlicher "Blick" über eine sich in Bewegung befindliche "Materie" Klang: verschiedene Dimensionen "Zeit" werden erfahrbar.

Kein Anfang: alles von Anfang an anwesend. Anfang ist der Beginn unserer kompositorischen Handlung, das Ende der Doppelstrich - nichts aufgelöst, nicht zurückgekehrt: Vorstellung des Eindringens in verschiedene Dimensionen "Zeit" - "non esiste, io sospetto, frontiera, almeno nel senso che noi siamo abituati a pensare. Non ci sono muraglie di separazione, ne valli divisorie, ne montagne che chiudano il passo. Probabilmente varcherò il limite senza accorgermene neppure, e continuerò ad andare avanti, ignaro." (Dino Buzzati)

In: "Form - Luxus, Kalkül und Abstinenz", Fragen, Thesen und Beiträge zu Erscheinungsweisen aktueller Musik, herausgegeben von Christian Scheib und Sabine Sanio anlässlich des musikprotokoll im steirischen herbst 99, PFAU Verlag, Saarbrücken 1999