Buchumschlag, Ausschnitt

NATURKUNDEN

"Der lebende Berg" von Nan Shepherd

Meditationen über die Natur und den Bezug des Menschen zu ihr.

Die Liebe der schottischen Dichterin Nan Shepherd, die von 1893 bis 1981 lebte, gehörte den Cairngorm Mountains, einer ausgedehnte Gebirgslandschaft, deren Berggipfel jedoch nicht höher als 1.300 Meter sind. Trotzdem nennt man die Cairngorms Großbritanniens Arktis.

Im Winter fegen Sturmwinde mit bis zu 270 Kilometern pro Stunde über die Hochplateaus. Und selbst im Sommer findet man in Bergkesseln Schneefelder vor. Nicht gerade einladend, mag man denken. Doch gerade die seltsamen und eben seltenen klimatischen Bedingungen machen die Cairngorms so interessant. Nan Shepard, die als Englischdozentin am Aberdeen Collage of Education arbeitete, erwanderte ein Leben lang diese Berge - ob allein, mit Freunden oder Studenten.

Naturkunden

Bereits Nan Shepherds erster Roman "The Quarry Wood" aus dem Jahr 1928 ist in diesem Landstrich angesiedelt. Im Zuge der Wanderungen entstand 1934 der Gedichtband "In the Cairngorms" und während des Zweiten Weltkriegs der Band "Der lebende Berg". Dieser wurde allerdings erst 1977 veröffentlicht und ist nun erstmals auch auf Deutsch erhältlich.

"Der lebende Berg" ist keine Bergsteigerliteratur im herkömmlichen Sinn. Das heißt, es geht nicht um das gefahrvolle Erklimmen eines Bergmassivs. Die Autorin ist alles andere als auf Gipfelstürme fixiert. Ihr Buch ist eine eigenwillige Berg-Prosa, die Berge, Täler, Wege und Wildnis der Cairngorm Mountains im Erwandern beschreibt. Zudem berichtet die Autorin geflissentlich, dass ihr Gebirge nach Menschenopfern verlangt. Gerade Piloten scheinen die in Nebel gehüllte Berggipfel unterschätzt zu haben.

Man mag gar nicht an all die Flugzeuge denken, die während des Zweiten Weltkriegs hier zerschellten. Wie die Unachtsamen in früheren Zeiten, die beim Durchqueren angeschwollener Flüsse ertranken oder von Felskanten stürzten, die sie zu erklimmen versuchten, unterschätzten diese neuen Reisenden die Macht des Gebirges.

Elementarkräfte der Berge

Nan Shepherd unterteilt ihr Buch in mehrere Kapitel, deren Anordnung eine Art geistige Erwanderung der Cairngorm Mountains abgibt. Das erste Kapitel heißt "Das Plateau". Von den Hochplateaus kann man die einzelnen Gipfel betrachten. Man kann aber auch, so das zweite Kapitel, in die Schluchten hinabblicken. Dann geht es zur "Gruppe", das sind die drei höchsten Berge Cairngorms. Ab dann werden in einzelnen Kapiteln die Elementarkräfte der Berge beschrieben. Das sind "Wasser", "Frost und Schnee" "Luft" und "Licht". Hier gelingen Nan Shepherd zum Teil außergewöhnliche Naturbetrachtungen, die sie gekonnt niederschreibt.

Die Schatten auf dem Schnee sind natürlich blau. Ein Schneehimmel ist oft von reinem Grün, nicht nur bei Sonnenauf- oder -untergang, sondern den ganzen Tag über; und ein schneegrüner Himmel erscheint gespiegelt - sei es im Wasser oder einem Fenster - noch grüner als in Wirklichkeit. Gegen einen solchen Himmel kann sich ein schneebedeckter Berg purpurn ausnehmen, wie mit Blaubeersaft getüncht.

In den folgenden Kapiteln beschreibt Nan Shepherd die belebte Natur: Pflanzen, Vögel, Vierfüßer, Insekten - und dann kommt "Der Mensch", der beobachtend in diese Natur eindringt - und, wie die Autorin selbst - diese staunend erwandert.

Das Sein kennenzulernen

Doch damit ist das Buch noch nicht zu Ende. Das zwölfte und letzte Kapitel lautet schlicht "Sein". Geist und Körper des Menschen werden im Wandern eins mit dem Berg. Wer an "Der lebende Berg" rein vernunftmäßig herangeht, wird wenig davon haben. Wer einen esoterischen Text sucht, etwa Pilgern am Jakobsweg, ebenso. Nan Shepherd versucht in ihrem steten und beständigen Erwandern der Berge eine sinnliche wie auch sinnhafte Einheit zwischen Mensch und Natur zu beschreiben - eine, die sie selbst erlebt hat. Sie tut dies in höchst poetischer Sprache.

Service

Nan Shepherd, "Der lebende Berg", aus dem Englischen von Judith Zander, Matthes & Seitz Verlag

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