Nazi-Sympathisanten in Wien, 11. März 1938

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Der "Anschluss" - eine lange Geschichte

Die "Anschluss"-Bewegung hat einen richtiggehenden Geburtstag. Am 18. Dezember 1878 schleuderte der deutschliberale Abgeordnete Georg von Schönerer bei einer Reichsratsdebatte über die enormen Kosten der soeben vollzogenen Okkupation Bosnien-Herzegowinas einen denkwürdigen Satz ins Forum: "Wenn wir nur schon zum deutschen Reiche gehören würden, um von Bosnien und seinem Anhang endlich befreit zu sein!"

Die Niederlage gegen Preußen 1866 hatte den Deutschösterreichern einen gewaltigen Schock versetzt. Sie sahen sich aus Deutschland hinausgeworfen und dazu verdammt, eines der vielen Völker Österreich-Ungarns statt Deutsche unter Deutschen zu sein. Viele von ihnen fragten sich, ob es nicht besser wäre, dem immer mächtiger werdenden Reich der Hohenzollern anzugehören als der maroden Monarchie der Habsburger.

Schönerer und die von ihm geführte Alldeutsche Bewegung machten sich zum Sprachrohr dieser Idee. Aber die Mehrheit der österreichischen Deutschnationalen dachte längst nicht so radikal. Die Liebe zum Deutschtum verband sich bei ihnen in der Regel mit dem grundsätzlichen Bekenntnis zur Doppelmonarchie.

Die Republik "Deutschösterreich"

Im Ersten Weltkrieg bekundeten die Bündnispartner nach außen hin bei jeder Gelegenheit unverbrüchliche "Nibelungentreue". Tatsächlich war das Verhältnis aber gespannt und konfliktbeladen. Mit zunehmender Kriegsdauer und der Erschöpfung der Ressourcen geriet Österreich-Ungarn militärisch und ökonomisch immer mehr in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Deutschland.
Dennoch - oder gerade deshalb - flammte beim Übergang zur demokratischen Republik die Anschlussidee voll auf. Angesichts der herrschenden Not fragte man sich, wie der kleine Rumpfstaat allein auf sich gestellt überleben sollte. Folgerichtig wurde am 12. November 1918 die Republik "Deutschösterreich" als "Bestandteil der Deutschen Republik" ausgerufen.
Die Siegermächte dachten allerdings nicht daran, einen bedeutenden territorialen Zugewinn für das Deutsche Reich als Ergebnis des Weltkrieges zu akzeptieren. Sie erlegten der Republik Österreich im Vertrag von Saint-Germain ein Anschlussverbot auf.

Mächtige Grundströmung der Ersten Republik

Trotzig hielt man in Österreich am "Anschluss"-Gedanken fest. Er wurde zu einer der mächtigsten politischen, sozioökonomischen und intellektuellen Grundströmungen der Ersten Republik. Die Sozialdemokraten waren voll und ganz dafür, die Deutschnationalen sowieso, die Christlichsozialen so halb und halb. Neben und über den Parteien entstanden einflussreiche Vereinigungen wie der Österreichisch-deutsche Volksbund, eine Massenorganisation, an der sich Verbände und Körperschaften aller politischen Richtungen beteiligten.

Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise betrieben Österreich und Deutschland ab 1930 das Projekt einer Zollunion. Die Mächte waren darüber alles andere als glücklich. Frankreich konnte - Österreichs Finanznöte skrupellos ausnützend - den Plan schließlich 1931 zu Fall bringen.

Adolf Hitler, 1933

Adolf Hitler in Berlin, 1933

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Die Abkehr vom "Anschluss"-Gedanken

Als Hitler in Deutschland Anfang 1933 an die Macht kam, änderte sich auch in Österreich alles. Die Sozialdemokraten strichen den "Anschluss-Paragraphen" aus ihrem Parteiprogramm. Der christlichsoziale Bundeskanzler Dollfuß - persönlich ursprünglich ein engagierter Anschluss-Befürworter - trieb mit seinem ab März 1933 autoritär regierenden Regime in einen zunehmend eskalierenden Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus hinein. Rückendeckung erhielt er dabei von Italiens Diktator Mussolini, der ein machtpolitisches Interesse daran hatte, Hitler möglichst lange von der Brenner-Grenze fernzuhalten.

Benito Mussolini. 1934

Benito Mussolini, 1934

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Österreichische Deutschnationale und der Naziputsch 1934

Die österreichischen Deutschnationalen, die längst allesamt zur NSDAP übergelaufen waren, sahen das erträumte Ziel - den "Anschluss" - mit einem Mal verführerisch nah am Horizont aufleuchten. Hitler war allerdings Realpolitiker genug, um zu wissen, dass er dieses Ziel erst nach Wiedererlangung der militärischen Stärke würde erreichen können. Es ist ein Irrtum zu meinen, beim Naziputsch vom 25. Juli 1934 wäre es ihm darum gegangen, Österreich sofort Deutschland anzuschließen. Vielmehr hatte er daran gedacht, ein NS-freundliches Regime unter dem christlichsozialen Kanzler Rintelen zu etablieren. Vorläufig jedenfalls. Als die Sache katastrophal schiefging, änderte Hitler geschmeidig seinen Kurs.

Neuer Kanzler in Österreich wurde Kurt Schuschnigg. Der beim Putsch ungewollt getötete Dollfuß erlangte umgehend Märtyrerstatus und stieg zur Leitfigur des autoritären Ständestaates auf. Die österreichische Unabhängigkeit versuchte man zu stärken, indem man Österreich zum zweiten - und besseren - deutschen Staat ausrief. Diese sogenannte Österreich-Ideologie war ein hölzernes Konstrukt, viel zu kompliziert, viel zu kopflastig, um die Massen zu gewinnen.

Kurt Schuschnigg am 9. März 1938 in Tirol.

Kurt Schuschnigg am 9. März 1938 in Innsbruck.

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Die weltpolitische Lage spielte Hitler perfekt in die Hände

England war ganz auf "Appeasement" gestimmt, Frankreich durch ständige Regierungskrisen gelähmt, die USA ohne weltpolitische Ambitionen. Und Italien, international durch sein militärisches Abenteuer in Abessinien isoliert, sah sich ab 1935 gezwungen, Unterstützung bei NS-Deutschland zu suchen. Auf dringendes Anraten Mussolinis ging Kanzler Schuschnigg schließlich daran, einen Ausgleich mit Hitler zu finden. Das deutsch-österreichische Abkommen vom 11. Juli 1936 war die wichtigste Zwischenstation auf dem Weg zum "Anschluss".

Demonstration Graz, 1938

Graz, 1938

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Dass es dann in den ersten Monaten des Jahres 1938 so überstürzt schnell ging, hatte weniger ideologische als vielmehr handfeste ökonomische Gründe. Österreich bot vieles von dem, woran es in Deutschland nach Jahren der forcierten Aufrüstung schmerzlich mangelte: Devisen, Rohstoffe, freie Arbeitskräfte und verfügbare Industriekapazitäten. Der "Anschluss" Österreichs sollte dazu beitragen, den wirtschaftlichen Kollaps zu verhindern. Hitlers weitere Expansion glich ab diesem Zeitpunkt einer Flucht nach vorn.

Text: Kurt Bauer

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