Cosplayerin zückt Pfeil und Bogen vor einer großen Büchermann

AP/JENS MEYER

Goethe und japanische Mangas

Hesse meets Hippies, Goethe meets Mangas - in ihrer aktuellen "Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" eröffnet die in Stuttgart lehrende Germanistin Sandra Richter im Sinne des französischen Philosophen Jean-François Lyotard mit einer Ansammlung von "kleinen Erzählungen" ein Patchwork von Deutungen, die überraschende Perspektiven eröffnen.

Die deutschsprachige Literatur wurde meist als Repräsentationsgeschichte der eigenen Nation von der Germanistik vereinnahmt. Die Germanistik - verstanden als "Deutschtums-Wissenschaft" - bezog sich nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf das Wesen der Nation.

Verbunden war dieser Fokus auf eine nationale Literaturgeschichte mit kanonischen Wertungen. Als Höhepunkt galt die deutsche Klassik, es folgten die deutsche Romantik und der deutsche Naturalismus. Ausgespart wurden andere nationale Literaturen, die in eigenen Kompendien dargestellt wurden.

Andy Warhols Goethebild

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Deutungen, die überraschende Perspektiven eröffnen

Für ihr Buch "Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" wählt die in Stuttgart lehrende Germanistin Sandra Richter einen konträren Ausgangspunkt. Die Autorin legt besonderen Wert auf die internationalen Zusammenhänge in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Sie löst Texte aus dem vertrauten Umfeld und verwebt sie mit Werken der Weltliteratur.

Ihr Buch versteht Richter im Sinn des französischen Philosophen Jean-François Lyotard als Ansammlung von "kleinen Erzählungen", als ein Patchwork von Deutungen, die überraschende Perspektiven eröffnen.

Der Wechseltausch der Werke Goethes

Chronologisch geordnet beginnt die Germanistin ihre Darstellung im 15. Jahrhundert mit Sebastian Brants Text Das Narrenschiff und verbindet ihn mit dem 1962 publizierten Roman Ship of Fools der amerikanischen Autorin Katherine Anne Porter.

Ausführlich befasst sich Richter mit den Werken von Goethe, die in einem "Wechseltausch" (Goethe) mit Rezeptionen in anderen Kulturen stehen. Der Klassiker, der 1827 den Begriff "Weltliteratur" prägte, der gegen die nationale Beschränkung gerichtet war, initiierte in seinen Werken wie dem West-östlichen Divan den Dialog mit anderen Kulturen.

In eigenen "kleinen Erzählungen" zeichnet Richter den "Wechseltausch" der Werke Goethes nach: die chinesische Rezeption von den Leiden des jungen Werthers, die "Werther-Seuche" in Russland und Osteuropa, Faust-Mangas in Japan und den Roman Kompass des französischen Autors Mathias Énard, in dem Goethes Divan als Dokument des Eurozentrismus bezeichnet wird.

"Steppenwolf" und die amerikanische Hippie-Kultur

Richter präsentiert auch den Roman Sartor Resartus des englischen Schriftstellers Thomas Carlyle, in dem die Pedanterie eines deutschen Gelehrten geschildert wird, und skizziert den Einfluss von Hermann Hesses Roman Der Steppenwolf auf die amerikanische Hippie-Kultur. Das damalige Kultbuch wurde als Symbol für die Rebellion gegen die kulturelle kleinbürgerliche Enge verstanden, die damals in den Vereinigten Staaten vorherrschend war.

Richter beschränkt sich nicht darauf, kanonisierte Werke der "Hochkultur" miteinander in Beziehung zu setzen. Sie bezieht auch Comics, Graphic Novels, Musicals, Populärliteratur und Dokumente der Subkultur mit ein. So verweist sie darauf, dass sich Lady Gaga ein gekürztes und in Verse umgesetztes Rilke-Zitat auf den Arm tätowieren ließ, dass sie seinem Buch Briefe an einen jungen Dichter entnommen hatte.

Ausschnitt Buchumschlag

C. BERTELSMANN

Diese Ausweitung des Literaturbegriffs beinhaltet die Möglichkeit, neue Leserinnen und Leser für die häufig als schwer zu verstehende Weltliteratur zu gewinnen. Diese Sichtweise hat auch Konsequenzen für die universitäre Institution der Germanistik, die sich nicht länger im Elfenbeinturm ihrer Fachdisziplin isolieren kann, sondern aufgefordert wird, einen "Wechseltausch" der verschiedenen literarischen Kulturen und Traditionen vorzunehmen.

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