Ausstellungsansicht West / Caravaggio

KHM-Museumsverband, Archiv Franz West

"The Shape of Time" im KHM

Einmal mehr treten im Kunsthistorischen Museum (KHM) zeitgenössische Künstler mit den Alten Meistern in Dialog. Dort, wo die Sammlung des Museums endet, nämlich um 1800, beginnt "The Shape of Time". Werke von Künstlern wie Steve McQueen, Maria Lassnig oder Peter Doig, aber auch William Turner und Mark Rothko hängen neben Barockgemälden oder Statuen der griechischen Antike, um diese in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Morgenjournal | 03 03 2018

"Aufsehenerregende Dialoge - erhellend über die Jahrhunderte hinweg"
Sabine Oppolzer

Die neuen Gemälde springen - zwischen den altehrwürdigen Bildern mit den schweren Rahmen - sofort ins Auge: Da hängt etwa ein weiblicher Akt von Maria Lassnig neben dem berühmten "Pelzchen" von Peter Paul Rubens. Da die füllige Barockgestalt, gesehen durch die Brille des liebenden Mannes, daneben die avantgardistische Frau der Gegenwart, gefühlt von innen heraus, beschrieben mit den Augen der Malerin.

Ausstellungsansicht Rubens “Das Pelzchen”/Lassnig "Iris stehend"

Rubens “Das Pelzchen” und Lassnig "Iris stehend"

KHM-Museumsverband, Maria Lassnig Stiftung Wien

Sehr berührend ist auch eine klassische Venusskulptur aus der Antikensammlung, neben der eine Fotoserie der amerikanischen Malerin Eleanor Antin hängt. Da die griechische Schönheitsgöttin, dort die ebenfalls nackte Künstlerin, die 36 Tage lang fastet und sich täglich selbst fotografiert, um zu dokumentieren, wie sie sich an das gesellschaftliche Schönheitsideal heranarbeitet. Und wie sie ihren Körper durch Fasten verändert - als wäre er eine Skulptur.

Ausstellungsansicht Antike / Antin

Antike versus Antin

KHM-Museumsverband

Großartig auch ein Gemälde von Lucian Freud, das neben einem etwa gleich großen Gemälde der Heiligen Familie prangt. Der Kurator der Schau, Jasper Sharp, wollte diese mit einer unheiligen Familie kombinieren. "Lucian hatte 36 Kinder von verschiedenen Müttern. Das ist die 'patchwork family of all patchwork families'."

Lucian Freuds Patchworkfamilie

Auf dem Gemälde sieht man Teile der Familie von Lucian Freud, unter anderem eine Frau, mit der er vier Kinder hat und eine andere, mit der er ein Kind hatte und zwei der Kinder. Alle wirken gelangweilt und bedrückt. Kein Wunder, verlangte Lucien Freud doch von ihnen, zwei Jahre lang täglich für dieses Bild Modell zu sitzen. Eine Zeit, in der er auch noch einige Beziehungen zu anderen Frauen pflegte.

Wunderschön ist auch ein kleines Gemälde der Malerin Sofonisba Anguissola, vermutlich das erste weibliche Selbstporträt der Kunstgeschichte, dem eine Arbeit der feministischen Künstlerin Claude Cahun zur Seite gestellt ist.

Die Direktorin des KHM, Sabine Haag, will mit dieser Ausstellung an eine Tradition anknüpfen, mit der ihr Vorgänger Hermann Fillitz 1998 Arbeiten von Franz West in der Dauerausstellung positionierte und damit die zeitgenössische Kunst in dieses Museum holte. Einige der damals gezeigten Metalliegen von Franz West sind jetzt wieder in die Ausstellung integriert.

Präzise durchdacht und vom Feinsten

Diese Schau ist ein radikaler Schritt des KHM, das sich in den bisherigen Sonderausstellungen zu Lucian Freud oder Jan Fabre etwas unentschlossen und manchmal kaum wahrnehmbar an die zeitgenössische Kunst herangetastet hat. Diesmal sind aufsehenerregende Dialoge gelungen - erhellend über die Jahrhunderte hinweg. Denn die Gegenüberstellungen sind präzise durchdacht, die Werke der neueren Kunst nur vom Feinsten.

Service

"The Shape of Time" im Kunsthistorischen Museum Wien - 6. März bis bis 8. Juli 2018

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