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Leipziger Buchmesse

Leipziger Buchmesse: Rumänien

Mit einem Aufruf zu Respekt, Toleranz und Vielfalt startet die Literaturbranche auf der Leipziger Buchmesse in den Bücherfrühling. Gastland ist dieses Jahr Rumänien. Das bietet die Gelegenheit, Schriftsteller des Landes mit neuen Büchern und einige auch erstmals in deutscher Übersetzung kennenzulernen.

Die rumänische Literatur zeigt sich vielseitig: Die 34-jährige Lavinia Braniste spiegelt in ihrem Roman "Null Komma Irgendwas" das Lebensgefühl einer ganzen Generation; der Erzählband "Als die Welt ganz war" von Varujan Vosganian beleuchtet das lastende Erbe der Ceausescu-Diktatur; Catalin Mihuleac blickt in seinem Roman "Oxenberg & Bernstein" zurück auf die Verstrickungen der rumänischen Bevölkerung in den Holocaust.

Null Komma Irgendwas

Neben prachtvoll renovierten alten Häusern bröckeln in Bukarest billige Zweckbauten. Einige Gebäude sind seit dem schweren Erdbeben von 1977 so stark beschädigt, dass sie einzustürzen drohen. Rote Schilder über den Eingängen weißen auf die Gefahr hin. Viele Mieter sind trotzdem bis heute aus Mangel an Alternativen in ihren Wohnungen geblieben. Vor allem an den Rändern der Stadt werden derweil immer weitere Neubauviertel aus dem Boden gestampft, um Platz zu schaffen für die Menschen, die aus der ärmeren Provinz in die Metropole strömen. Oft vergrößern sie dort jedoch nur das Heer der Habenichtse.

Buchcover "Null Komma Irgendwas", Hochhaus

mikrotext

Christina, die Ich-Erzählerin in Lavinia Branistes Roman "Null Komma Irgendwas", hat immerhin einen Job bei einer Baufirma. Glücklich aber ist sie nicht. Alles scheint irgendwie schief und unpassend in ihrem Leben. Die junge Frau stapft jeden Tag über schlammige Baustellen und sieht Häuser emporwachen. Aber sie selbst sucht schon lange Zeit vergeblich nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung.

Wie ihre Heldin lebt die Autorin, die 1983 in der südostrumänischen Stadt Braila geboren wurde, in Bukarest in prekären Verhältnissen. Um das einladende Café in der prächtigen Buchhandlung Carturesti, dem Treffpunkt für das Gespräch, macht sie sonst einen Bogen - wie um andere Lokale auch. Sie kann es sich einfach nicht leisten:

"Man braucht unbedingt einen Job oder jemanden von der Familie, der einen unterstützt, oder einen anderen Sponsor. Ich bekomme seit Jahren Geld von meiner Mutter, die in Spanien lebt. Das ist nicht ideal. Vielleicht kann ich einmal selbst für mich sorgen, wenn ich 60 Jahre alt bin. Ich überlege ständig, womit ich Geld verdienen könnte. Aber ich brauche Zeit zum Schreiben. Ich habe nie darüber nachgedacht, das Schreiben aufzugeben", sagt Lavina Braniste.

In "Null Komma Irgendwas", ihrem zweiten Roman, erzählt die Autorin in einfacher Alltagssprache von einer abweisenden Welt. Fast beiläufig entwirft sie die dabei Topografie einer Stadt voller anonymer Wohnareale. Ihr Roman wurde in Rumänien zu einem Erfolg. Das Buch hat offenbar die Stimmung einer Generation getroffen, die sich nicht heimisch fühlt im eigenen Leben und bestimmt scheint vom Gefühl einer großen Verlorenheit. Es ist eine Alltaggeschichte vom schwierigen Leben, anschaulich und lebensnah. Lavinia Branistes Heldin gehört zu den jungen Großstädtern, die - wie auch die Autorin - in die Endphase der kommunistischen Herrschaft hineingeboren wurden und aufgewachsen sind in einem Land mitten in einem schwierigen Transformationsprozess. In dieser Umbruchsphase befindet sich Rumänien noch immer.

Als die Welt ganz war

Auch Varujan Vosganian schaut in seinen Erzählungen auf ein problematisches Land, er tut es mit Blick auf das schwierige Erbe der kommunistischen Diktatur. Der Autor ist ein einflussreicher Mann in Rumänien. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war Finanz- und Wirtschaftsminister seines Landes, später Minister für Handel- und Industrie. Noch immer sitzt er für die Liberalen, die zusammen mit den Sozialdemokraten die Regierung bilden, im rumänischen Parlament. Er ist Vizepräsident des Schriftstellerverbandes und Präsident der Vereinigung der Armenier in Rumänien.

Gleich neben der armenischen Kirche im Zentrum von Bukarest hat er ein stattliches Büro. An der Wand direkt vor seinem Schreibtisch lehnt ein großes Gemälde, das ihn selbst zeigt. Vosganian bewegt sich gern im Rampenlicht. Selbst wenn er über sein Schreiben spricht, tut er das im Stil eines Politikers, der eine Rede vor großem Publikum hält.

Zsolnay

Buchcover "Ald die Welt ganz war"

Dass die tagtägliche politische Inanspruchnahme sein künstlerisches Schaffen beschädigen könnte, zieht er nicht einmal in Betracht: "Es ist nicht leicht, zur selben Zeit Politiker und Schriftsteller zu sein. Es ist nicht mein Problem, sondern das der Öffentlichkeit. Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, das Image des Autors von dem des Politikers zu trennen."

Auf wundersame Weise scheint eben genau dies für Varujan Vosganian selbst tatsächlich möglich. In seinen Büchern begegnet dem Leser jedenfalls ein nachdenklicher, zweifelnder, suchender Autor. Der jetzt erschienene Band "Als die Welt ganz war" versammelt vier Langerzählungen, die allesamt die Frage stellen, wie sich mit den Traumata der rumänischen Geschichte weiterleben lässt. Vosganians pessimistische Erzählungen spiegeln eine zutiefst verunsicherte und gespaltene Gesellschaft, die keinen gemeinsamen produktiven Umgang mit der eigenen Geschichte findet. Zu groß ist die Schuld der einen und zu gravierend sind die Verletzungen der anderen.

In der titelgebenden Geschichte "Als die Welt ganz war" wird das beschädigte Leben am deutlichsten kenntlich, ja regelrecht ausgestellt. Die Hauptfigur Coltuc ist von Geburt an schwerstbehindert, er erbettelt Almosen auf der Straße und ist immerfort auf die Hilfe anderer angewiesen. Seine ständigen Begleiter sind ein Lahmer und ein Blinder. Aber Coltuc besitzt die Gabe, vor seinen Augen das Bild einer unzerstörten Welt entstehen zu lassen. Er sieht auch die Bäume, die gefällt und die Häuser, die abgerissen wurden.

"Meine Generation war (…) isoliert, umzingelt von Mauern. Ich spreche von Landesgrenzen, die wir nicht überwinden konnten, aber auch von den Barrieren zwischen uns selbst", sagt Varujan Vosganian. "Man konnte schließlich nie wissen, ob das Gegenüber vertrauenswürdig oder nicht vielleicht ein Securitate-Spitzel ist. Weil es diese Hindernisse gab, haben wir uns eine wunderschöne Welt jenseits dieser Mauern erträumt Coltuc ist dafür ein Symbol."

Varujan Vosganians düstere Erzählungen machen kunstvoll deutlich, wie schwer die Menschen am Gewicht der Erinnerungen tragen, wie groß die Verstörung nach den langen Jahren der Despotie ist. Aber dieser Autor zeigt auch die beständige Suche nach Wegen, sich der nahen Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft zu versichern.

Oxenberg & Bernstein

Aber nicht nur die langen Jahre der Ceausescu-Diktatur lasten noch immer auf dem Land. Auch die weiter zurückliegende Zeit wurde nicht zur Gänze aufgearbeitet. Über die Verstrickung von rumänischen Behörden und der Bevölkerung in den Holocaust wird offenbar bis heute ungern gesprochen. Nur so lassen sich wohl die heftigen Reaktionen auf den 2014 im Original erschienenen Roman "Oxenberg & Bernstein" erklären, mit dem Catalin Mihuleac an das furchtbare Pogrom in der alten rumänischen Kulturstadt Iasi im Juni 1941 erinnert.

Buchcover "Oxenberg & Bernstein"

Zsolnay

"Das Buch ist zunächst ganz gut aufgenommen worden. Gleich zu Beginn erschien eine begeisterte Besprechung. Aber dann wurden die Zeichen der Ablehnung immer deutlicher. Journalisten haben mir gesagt, dass sie den Roman für ihre Zeitung nicht rezensieren dürfen, und es gab Buchhändler, die das Buch nicht verkaufen wollten und - wenn sie es trotzdem vom Verlag bekommen hatten - zurückschickten", erinnert sich Catalin Mihuleac. "Diese Reaktionen waren für mich nicht nur überraschend, ihre Heftigkeit hat mich traurig gemacht."

Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Oxenberg, die zu den wohlhabendsten der Stadt zählt. Jacques fährt seine Frau Roza und die beiden Kinder, Lev und Golda, in den späten 30er Jahren gern im Citroën spazieren. Den winterlichen Skiurlaub verbringt man in den österreichischen Alpen, die Sommerferien in Warnemünde an der Ostsee.

Zu verdanken hat die jüdische Familie ihr Ansehen und Auskommen den besonderen Fertigkeiten von Jacques Oxenberg. Das Familienoberhaupt ist Gynäkologe und über die Stadt hinaus bekannt. Denn den Kaiserschnitt beherrscht in der Gegend niemand wie er. Und kein anderer Frauenarzt ist so einnehmend und galant. Catalin Mihuleac, der in der bestechenden Übersetzung von Ernest Wichner erstmals von einem deutschsprachigen Publikum entdeckt werden kann, schätzt die Zuspitzung, den manchmal frivolen, zuweilen derben Ton. Das Forcierte dieser Prosa ist jedoch kein Selbstzweck. Mihuleac taucht tief ein in die Atmosphäre einer Zeit, die bald von einer mörderischen Hetze beherrscht wird.

Angestachelt von staatlicher Propaganda zieht bald ein brutaler Mob durch die Straßen. Historiker haben das Geschehen dokumentiert: Dem Pogrom fielen im Juni 1941 über 13.000 Menschen zum Opfer, fast ein Drittel der jüdischen Bevölkerung von Iasi wurde ausgelöscht. Aber das Grauen bleibt - in solche Zahlen verpackt - abstrakt. Bei Mihuleac wird es hingegen schmerzhaft konkret.

Dieser Autor beschreibt quälend genau, wie die Männer Schlange stehen und wie einer nach dem anderen Roza vergewaltigt, die bald daruf dem eigenen Leben ein Ende setzt. Ihr Mann und ihr Sohn liegen da schon im Dreck - erschlagen der eine und erschossen der andere. Nur die elfjährige Golda überlebt wie durch ein Wunder. Das traumatisierte Mädchen hat nach dem Krieg nur ein Ziel: weg. Und noch einmal hat Golda Glück: Ein amerikanischen GI nimmt sie mit in seine Heimat. "Oxenberg & Bernstein" ist zuweilen in seiner drastischen Bildlichkeit gepaart mit einer oft saloppen Sprache nur schwer erträglich. Trotzdem gelingt Catalin Mihuleac die präzise literarische Rekonstruktion eines massenhaften Mordens. Und er rührt damit an ein in seiner Heimat noch heute lieber verschwiegenes Kapitel der eigenen Geschichte.

Text: Holger Heimann

Service

  • Lavinia Braniste, "Null Komma Irgendwas", aus dem Rumänischen von Manuela Klenke, Mikrotext Verlag
  • Varujan Vosganian, "Als die Welt ganz war", Erzählungen, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Zsolnay Verlag
  • Catalin Mihuleac, "Oxenberg & Bernstein", aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Zsolnay Verlag
  • Leipziger Buchmesse - 15. bis 18. März 2018

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