Ein Radiomikrophon hängt in einem Tonstudio.

ORF

Das goldene Zeitalter des Audios

Welche Zukunft hat das Radio? Wie und was wir hören, verändert sich, vor allem da unsere Handys zu Radiogeräten werden. Immer mehr, vor allem junge Menschen hören Musik im Internet, auf YouTube oder über Streamingdienste wie Spotify. Auch Podcasts werden beliebter. Wie können sich Radiosender in diesem Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit unserer Ohren behaupten?

Wer kauft noch ein Radio, wo wir doch mit dem Smartphone die beste Technologie in der Tasche haben und wo das Internet endlose Unterhaltung bietet? Der britische Zukunftsforscher Ben Hammersley zeichnet ein düsteres Bild: "Das Radio ist wahrscheinlich tot. Aber wir leben im goldenen Zeitalter von Audio." Denn wir hören mehr denn je, aber weniger vor dem Radiogerät, dafür was wir wollen und wann wir wollen im Internet. Das werde sich noch verstärken, wenn die Datenübertragung auf den Handys schneller wird, sagt Hammersley. Darauf müssen Radiostationen reagieren.

Radiohören auf YouTube

Ein Vorreiter ist die britische BBC. "Wir lassen immer mehr Content produzieren, der zuerst für das Internet gedacht ist. Das ist unverzichtbar, wenn wir uns neu erfinden wollen", sagt Bob Shennan, der BBC-Radio und Musikchef. Die BBC hatte noch nie so wenig junge Hörer, wie jetzt.

Der Jugendsender BBC Radio 1 zeigt neue Wege vor und setzt vor allem auf YouTube. Auf der Videoplattform hat der Sender 4,5 Millionen Abonnenten, YouTube ist zu einem der beliebtesten Arten geworden, Radio zu hören.

Podcasts bringen ein neues Publikum

Auch ein beliebtes BBC-Hörspiel namens "Tracks" wird zuerst im Internet veröffentlicht, bevor es auf Sendung geht. "Tracks" hat online tausende Hörer. Die BBC setzt stark auf Podcasts und hat dafür auch einen eigenen Manager eingesetzt. Die Strategie scheint sich zu bewähren. "Im Jahr 2017 wurden 240 Millionen BBC-Podcasts heruntergeladen, das ist um zwölf Prozent mehr als im Jahr davor", so Bob Shennan. "Unsere Podcasts gehören zu den beliebtesten der Welt. Und zwei Millionen unserer Podcast-Hörer, hören nie die Programme unsere BBC-Radiostationen."

Das Radio ist nicht tot, aber es muss sich ändern

Podcasts werden also beliebter. Das hat auch das öffentlich-rechtliche Radio in Schweden erkannt. "Das Radio ist nicht tot, zumindest nicht heute", sagt Cilla Benkö, die Chefin von "Sveriges Radio", aber "das lineare Hören verändert sich." Die Strategie der Schweden: "Wir werden im Radio mehr live senden. Es geht den Hörern darum, "dabei" zu sein. Wir machen weniger Formatradio mit vorbereiten Programmen. Auch bei unseren regionalen Sendern geht es mehr um live, nach dem Motto: Was passiert gerade in meiner Region?"
Lange Formate würde man auf Podcasts ins Internet verlegen, dort könne man auch neue Sachen ausprobieren. Für BBC und "Sveriges Radio" heißt die Zukunftsstrategie: Immer mehr fürs Netz produzieren.

Radio ist wieder sexy

Auch die Radiosender des ORF würden im Internet gerne mehr anbieten. Aber vieles, was die Briten und Schweden machen, ist dem ORF per Gesetz verboten, zum Beispiel eigenständige Podcasts oder ein Programm auf YouTube.

Die Konkurrenz durch die vielen neuen Möglichkeiten im Internet sieht Ö3-Chef Georg Spatt dennoch positiv: "Ich sehe Smartspeaker, Podcasting und Streamingdienste, die mit Algorithmen Playlists ausspielen, als Vorteil, weil sie das Audio-Medium Radio sexy machen."

"Kronehit" buhlt um die Jungen

"Kronehit", das meistgehörte Privatradio Österreichs, experimentiert im Netz vor allem mit der "Kronehit"-App. Sie bietet mehrere Musikkanäle an. Das große Plus sieht Programmchef Rüdiger Landgraf darin, dass Hörer Lieder, die sie nicht mögen, einfach überspringen können. Während "Kronehit" zu über 90 Prozent noch klassisch gehört wird, hat die App aber ein junges Publikum, das intensiv mit dem Sender interagiert. Der Höreranteil via App könnte bald auf 20 oder 30 Prozent steigen, hofft Landgraf.

"Alexa, spiel mir Ö1 Journale"

Auch die neuen Smartspeaker beschäftigen die Radiomacher. Das sind kleine Haushaltsgeräte, die wie Lautsprecher aussehen, und Sprachbefehle entgegen nehmen, wie zum Beispiel Alexa von Amazon. Auch Google und Apple bieten solche Geräte an. Sprachassistenten werden in Österreich immer beliebter. Damit sie auf Befehle Radiosender abspielen, müssen die Sender Apps zur Verfügung stellen, sogenannte "Skills". Ö3, Ö1 und FM4 bieten das an. Pro Woche gibt es mehrere zehntausend Aufrufe, Tendenz steigend.

Ö1 denkt über neue Podcasts nach

Der Ö1-Chef Peter Klein hält vor allem den Podcast-Trend für überzogen. In Europa sei der Bedarf nicht so groß, weil die öffentlich-rechtlichen Sender so stark seien, sagt Klein. "Ich habe schon viele Leichen vorbei schwimmen sehen", meint der Senderchef und glaubt, dass Ö1 Hörer auch weiter damit zufrieden sind, Ö1 vor dem Radiogerät, auf der Ö1 Website und via Ö1 App zu hören.

"Ich gebe zu, dass die Überlegungen, was wir als Podcasts anbieten, schon einige Jahre zurückliegen und wir möglichweise auf die aktuellen Veränderungen am Markt nicht entsprechend reagiert haben." Vielleicht werde es bald neue Ö1 Podcasts geben, kündigt Klein an. Aber insgesamt sei der Sender gut aufgestellt. Ö1 sei "quicklebendig".

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