Marienbildnis

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Lust und Last - Leibhafte Religion Teil 2

Religion und Leiblichkeit, ein schwieriges Verhältnis mit unendlich vielen Facetten. Nur wenige Lebensbereiche werden in den Religionen so stark reglementiert und kontrolliert wie die menschliche Sexualität. Nicht selten wird der Körper über Vorstellungen von ritueller Reinheit und Unreinheit "gezähmt".

"Der Körper ist unser Werkzeug, um in der Welt zu agieren, auch um religiöse Gebote zu erfüllen", sagt der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister. Daher hat er im Judentum eine große Bedeutung. "Andererseits ist er es auch, der uns manchmal davon abhält das Richtige zu tun, wenn wir körperlichen Bedürfnissen und Wünschen nachgehen – von Hunger und Durst bis hin zur Sexualität. Alles, was mit dem Körper zu tun hat, hat zwei Seiten. Es ist ein zweischneidiges Schwert."

Sexualität sei im Judentum kein Tabu, sagt Hofmeister. Wenn sie unter bestimmten Rahmenbedingungen gelebt werde: innerhalb der Ehe und zu bestimmten Zeiten, beispielsweise nicht während der Menstruation der Frau. Wenn man sich an die Regeln hält, nimmt es das Judentum mit der Sexualität aber relativ locker. "Es geht nicht nur um Fortpflanzung", sagt Hofmeister.

"Der sexuelle Genuss ist im Islam nicht verboten".

Ähnlich steht man im Islam zur menschlichen Sexualität, erklärt die islamische Theologin von der Universität Paderborn, Hamideh Mohagheghi: "Sexualität hat einen hohen Stellenwert, ist nichts Verwerfliches." Musliminnen und Muslime dürften sich – innerhalb der Ehe - an ihrer Sexualität erfreuen, so Mohagheghi. "Der sexuelle Genuss ist im Islam nicht verboten."

Mit dem Christentum verhalte es sich da etwas anders, meint Birgit Heller, Religionswissenschaftlerin und römisch-katholische Theologin an der Universität Wien. Eine Schlagseite in Richtung Leibfeindlichkeit habe das Christentum quasi von Anbeginn gehabt: "Griechisches Denken und asketische Traditionen haben das frühe Christentum stark beeinflusst; auch die dualen, gnostischen Vorstellungen von Leib bzw. Materie und Geist. Mit diesen damals zeitgeistigen Strömungen hat sich das Christentum immer wieder auseinandersetzen müssen. Wobei in diesem Zusammenhang nicht von Leib- sondern eher von Sexualfeindlichkeit gesprochen werden müsse", so Heller.

"Macht über die Sexualität zu haben, gibt Macht über Menschen".

In manchen Kontexten sind dadurch rigide Auslegungen entstanden: "Abseits der Fortpflanzungsethik und –ideologie war Sexualität etwas, das den Menschen von Religion und Spiritualität abgelenkt hat." Eine Denktradition, die sich bis in die Neuzeit gehalten habe, meint die Theologin. Heute zeigen sich eben im Bereich der Sexualmoral große Unterschiede zwischen den verschiedenen, christlichen Konfessionen: von sehr liberal bis sehr konservativ.

Nur wenig wird in den Religionen so stark reglementiert und kontrolliert, wie die menschliche Sexualität. "Macht über die Sexualität zu haben, gibt Macht über Menschen", sagt Birgit Heller. Das unterstreicht auch die Wiener Sexualtherapeutin Elia Bragagna. Sie sieht den Umgang von Religionen mit der Körperlichkeit des Menschen und vor allem mit der Sexualität äußerst kritisch: "Die Körperlichkeit kann der Mensch nicht unterdrücken und wenn man die Körperlichkeit automatisch als sündhaft markiert, hat man eine Schar von Menschen, die man von ihren Sünden befreien und über die man somit Macht ausüben kann."

"Wenn man schon den kleinen Kindern beibringt, dass der eigenen Körper Tabu ist, erzeugt das eine fürchterliche Zerrissenheit".

Die Sicht der Religionen auf den Körper und auf die Sexualität habe Gesellschaften Jahrtausende lang geprägt und diese Prägung wirke sich auch in vermeintlich aufgeklärten und säkularen Gesellschaften immer noch aus, so Bragagna. Vor allem durch die sozialen Normen, die sie bedingt habe, so Bragagna.

Bei der Einhaltung der religiösen Regeln, die die Körperlichkeit betreffen, komme es immer auf das Maß an, sagt die Sexualtherapeutin. Körper- und sexualfeindliche, religiöse Auslegungen bergen für ihre Anhängerinnen und Anhänger auch Gefahren: "Es ist das biologische Prinzip, dass man - allgemein gesprochen - lustfreundlich lebt. Alle Fertigkeiten, die einen Erwachsenen sexuell reif werden lassen, werden unterbunden, wenn man schon den kleinen Kindern beibringt, dass der eigenen Körper Tabu und eklig ist. Das erzeugt eine fürchterliche Zerrissenheit." Daher sei es nicht verwunderlich, dass sehr viele streng religiöse Menschen in ihrer Praxis Hilfe suchen.

Elia Bragagna hat großen Respekt vor der Religiosität ihrer Klientinnen und Klienten und versucht nicht, sie von deren Weg abzubringen. Sie arbeite mit dem breiten Spektrum an Zugängen zu Körperlichkeit, die jede Religion anbiete, sagt sie. Und zudem könne man keinesfalls verallgemeinern, dass religiöse oder sehr religiöse Menschen immer Probleme mit ihrem Körper und ihrer Sexualität hätten. Am meisten komme es darauf an, wie die Eltern eines Kindes die Themen Körperlichkeit und Religion vereinbaren können.

"Es geht immer um die Verbindung des irdischen Selbst mit dem Göttlichen."

Dass der menschliche Körper nicht nur eine Last auf dem spirituellen Weg sein muss, zeigt sich aber ebenfalls in vielen Religionen. In manchen Strömungen des Tantra befördert die körperliche Vereinigung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen sogar die spirituelle Erfahrung. Was Tantra eigentlich ist, werde im sogenannten Westen oft missverstanden, meint Alel Kessler, ganzheitlicher Mental-Trainer mit jahrelanger Tantra-Erfahrung.

Tantra bedeute nichts anderes als Verbindung oder Verwebung, sagt er. "Es geht immer um die Verbindung des irdischen Selbst mit dem Göttlichen." Eines der größten Missverständnisse ist, dass Tantra immer mit sexuellen Praktiken zu tun habe. Eigentlich ist das Ziel sich ganzheitlich zu entwickeln und das kann man durchaus allein machen. Von den typischen indischen Yogis, die abgeschieden im Wald meditieren, sind viele Tantriker."

In der kaschmirischen Form des Tantra, die er kennen gelernt hat, spielt die sexuelle Aktivität aber durchaus eine Rolle. Es drehe sich dabei um das Kultivieren und Beherrschen der eigenen Sexualenergie, um Befreiung zu erlangen, sagt Kessler. Das funktioniere über Atemtechniken, Kontraktion, Visualisierung und verschiedene Yoga-Übungen.

Hinduistischer Priester

AP/ANUPAM NATH

"Im Prinzip geht es nicht um Lust, sondern um das rituelle Aufheben von Dualität".

Birgit Heller, Religionswissenschaftlerin und Spezialistin für indische Traditionen, erklärt dazu, dass diese tantrischen Strömungen nur dem Schein nach besonders körper- und sexualfreundlich seien: "Auch hier geht es im Prinzip nicht um Lust, sondern um das rituelle Aufheben von Dualität. Die Sexualität ist nur Instrument." Was grundsätzlich für alle großen Religionen der Gegenwart gelte, sei, dass Sexualität nie eine sakrale Dimension besitze. Das Höchste der Gefühle für die großen religiösen Traditionen der Gegenwart sei, dass Sexualität einen gewissen Eigenwert besitze und von allzu engen Reglementierungen freigesetzt sei.

Im Gegensatz dazu wurde in vielen archaischen Religionen wie in den altorientalischen Religionen Sexualität in einem Zusammenhang mit irdischem und darüber hinausweisendem Glück betrachtet. "Sie war dort ein Symbol für die Lebensfülle schlechthin", sagt Heller. Deutlich äußerte sich dies in den beschriebenen Riten der alljährlichen Lebenserneuerung in der Form der "heiligen Hochzeit", die beispielsweise zwischen einem König und einer Priesterin vollzogen wurde.

Heute wird die sakrale Dimension der Sexualität mitunter in neuheidnischen Kulten zum Beispiel im bevorstehenden Maienfest wiederbelebt oder auch in manchen Strömungen des weiten Feldes der holistischen, ganzheitlichen Spiritualität.

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