Bangkok, Straßenverkehr

WOJCIECH CZAJA

"Hektopolis" von Wojciech Czaja

"Ich komme an, lege meine Sachen im Hotel ab und ziehe mich um. Dann gehe ich einfach drauf los." - Drauf los gehen und das Wesen einer Stadt erkunden ist der Plan des Wiener Architekturkritikers und Journalisten Wojciech Czaja. Bereits hundert Städten hat er sich auf diese Weise angenähert: Ohne besondere Vorkenntnisse und Erwartungen überlässt er sich bei seinen Erkundungen dem Zufall, dem Tempo - und dem unvergleichlichen Klang jeder Stadt.

Digitales Flötengedudel in Taipeh

"Hektopolis - Ein Reiseführer in hundert Städte" heißt das jüngste Buch Wojciech Czajas, das soeben erschienen ist. Über jede Destination hat der Autor darin auf nur zwei Seiten eine kleine Geschichte verfasst. Eine Straßenszene in Taipeh, Taiwan:

Ein gelber Müllwagen fährt am Park vorbei, oranges Signallicht, dazu Beethovens "Für Elise", das als digitales Flötengedudel aus dem Fahrzeug dringt, schon strömen die Menschen aus ihren Häusern. Cheng-Ying stellt die Nudelsuppe ab, schnappt den Müllsack neben sich und springt auf. "Nicht weglaufen! Bin gleich wieder da."

Wojciech Czaja: "In Taipeh fährt der Müllwagen durch die Stadt und die Leute rennen mit den Säcken auf die Straßen raus. Wie erfahren die Leute, wann der Wagen vorbeifährt? Mit einer Erkennungsmusik, in meinem Fall war es Beethovens ‚Für Elise‘."

Öffentliche Räume liebt Wojciech Czaja besonders, denn sie offenbaren die Phänomene der Eigenart einer Stadt. Um bereit für sie zu sein, setzt er sich etwa in ein Open-Air-Café, in einen Park oder in die U-Bahn. Dann schaut er, was passiert. Ob Abu Dhabi oder Zell am See, Marrakesch oder München - in allen Städten war Wojciech Czaja auf der Suche nach dem einen: dem Moment der Unvergleichbarkeit, jenem Funken an Individualität, der der allgegenwärtigen globalen Vereinheitlichung trotzt.

Wojciech Czaja

Wojciech Czaja

FLORIAN ALBERT

Im Badehaus von Kyoto

Er besuchte einen Kamel-Markt, bestaunte in Macau in China das ausnehmend hässliche 260 Meter hohe Kasino-Hotel Grand Lisboa, das es auf die Website theugliestthingintheworld.com gebracht hat. - Die abenteuerlichsten Erlebnisse aber hatte Wojciech Czaja immer, wenn er ganz gewöhnliche Alltagsrituale erkundete.

Eines Tages bezog er in Kyoto ein billiges Gästehaus, ein sogenanntes Ryokan: "Es gab kein Badezimmer. Ein altes Weiblein führte mich hinaus auf die Straße. Es schüttete, es war rutschig und wir gingen zu einem öffentlichen Bad. Das Weiblein macht die Tür auf, reißt mir das Handtuch runter, ich stehe nackt da, und sie ruft euphorisch: go!" Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Es kommt zum besagten unvergleichlichen Moment, den zu suchen der Reisende einst ausgezogen war.

Im Badehaus von Kyoto spürte Wojciech Czaja ihn gleich mehrfach: "Da waren vier kleine Becken. Das erste war sehr kalt, das zweite sehr heiß, das dritte war gefüllt mit gelb-grünlichem Wasser, das schwefelig roch. Das vierte Becken war lauwarm, durchsichtig und hat nicht gestunken. Freudig setze ich mich hinein und erschrecke, denn ich erhalte einen Stromschlag. Dann einen zweiten. Und noch einen. Die Männer um mich herum lachen, denn in Japan ist das ist eine beliebte Kur, dass man im SPA-Becken ein paar Volt verpasst bekommt."

Service

Wojciech Czaja, "Hektopolis - Ein Reiseführer in hundert Städte", Konnex Edition Korrespondenzen

Übersicht