Museumsquartier, Hof

UDO TITZ

Museumsquartier, Wien

Vom Pferdestall zum Drehpunkt zeitgenössischer Kunst

Hofstallungen ohne Leseturm

Sonja Bettel

Das Museumsquartier in Wien präsentiert sich als großzügiger "urban space", der eine Vielfalt an zeitgenössischer Kunst und Kultur, eine große Bandbreite an Gastronomie und viel Platz zum Abhängen im Freien bietet. Bei seiner Eröffnung 2001 war es das achtgrößte Kulturareal der Welt. Angesichts der entspannten Stimmung, die das "MQ" heute ausstrahlt, könnte man fast vergessen, welche Kämpfe sich um das Projekt abgespielt haben.

Hofstallungen, Messe - und nun?

1977 regte der damalige ÖVP-Kultursprecher Erhard Busek erstmals an, aus dem Messepalast im 7. Bezirk ein Zentrum für zeitgenössische Kunst zu machen. Der weitläufige barocke Gebäudekomplex wurde 1725 von Johann Bernhard Fischer von Erlach und seinem Sohn Joseph Emanuel als Kaiserliche Hofstallungen errichtet. Von 1921 bis in die 70er Jahre wurden die Hofstallungen von der Wiener Messe genutzt, in den 1980er und 90er Jahren von den Wiener Festwochen, von Kulturinitiativen und für Popkonzerte. Für die verschiedenen Nutzungen erfolgten teils brutale Ein-, Um- und Zubauten in die heruntergekommenen historischen Gebäude.

Museumsquartier Luftaufnahme

PETER KORRAK

Luftaufnahme

Der Kampf um den Leseturm

Nach langer Diskussion über die weitere Nutzung wurde 1986 ein zweistufiger Architekturwettbewerb für ein Museumsquartier ausgeschrieben, den die Brüder Laurids und Manfred Ortner gewannen. Als Wahrzeichen für den Komplex sahen sie einen schlanken Leseturm mit elliptischem Grundriss vor. Über dessen Funktion und Bedeutung sagte Architekt Laurids Ortner 1991 in einem Interview: "Der Leseturm hat eher die Funktion eines Campaniles. Er ist Kristallisationsnadel eines Ensembles von Baukörpern und daher absolut unverzichtbar."

Gegen den Turm und die Glasfassade des Museums Moderner Kunst formierte sich jedoch breiter Widerstand, getragen von Kunsthistorikern und Architekten, Anrainern, dem Direktor des Naturhistorischen Museums Bernd Lötsch, dem Journalisten Günther Nenning und Hans Dichand, der in seiner Kronen Zeitung eine heftige Kampagne gegen das Projekt ritt. Der Leseturm wurde daraufhin kleiner konzipiert und verschwand nach einem Machtwort von Bürgermeister Helmut Zilk ganz. Kein Gebäude durfte die barocke Fassade überragen.

Schließlich musste auch die große Veranstaltungshalle weichen - für ein monumentales Museum für die Sammlung Leopold, die die Republik zuvor angekauft und dem Sammler Rudolf Leopold den Posten ihres Direktors auf Lebenszeit zuerkannt hatte.

Es ist, was es ist

Nach scheinbar endlosen Diskussionen und Umplanungen wurde das Museumsquartier Ende Juni 2001 endlich eröffnet. Bundespräsident Thomas Klestil mahnte bei der Eröffnungsfeier, nun endlich die Debatten zu beenden, indem er sagte: "Es spielt nun keine Rolle mehr, ob das ursprüngliche Konzept verwirklicht wurde oder nicht. Das Museumsquartier ist Realität und damit Anlass zur Freude."

Laurids Ortner zeigte sich kurz vor der Eröffnung in einem Interview für die Ö1-Sendung "Diagonal" ungebrochen, trotz jahrelanger gröbster Anfeindungen, Interventionen und politischem Opportunismus: "Wenn das jetzt so ausschaut wie es hier ausschaut, dann kann ich mich nicht darauf berufen, mir hätte irgendjemand was wirklich dreingeredet. Und wenn hier einer findet, das schaut monumental aus und das schaut furchtbar aus, oder das ist unerträglich, das ist petrifiziert, dann kann ich nicht irgendeinen Prozess dafür verantwortlich machen, sondern dann muss man sagen, der Architekt hätte durch einen besseren ersetzt werden können oder sollen, und das wäre es dann gewesen. Ich wüsste niemanden, der das hätte besser machen können."

Logo des Museumsquartier

ORF/MIRELA JASIC

Kunst oder Konsum?

Im Sommer 2009 kam es rund ums Museumsquartier noch einmal zu Aufruhr. Diesmal ging es aber nicht um die Architektur, sondern um die Nutzung durch Menschen, die mitgebrachten Alkohol konsumierten, Musik spielten und Müll hinterließen. Zu viele Menschen würden den großen Hof nur zum Abhängen nützen und die kulturellen Einrichtungen ignorieren, wurde beklagt. Eine neue Hausordnung verbot den Konsum mitgebrachter Getränke und das freie Musizieren, Fahrränder durften das MQ nur mehr geschoben durchqueren und Securities sorgten für die Einhaltung der neuen Ordnung. Keine noch so provokante Kunstausstellung hätte derartigen Protest auslösen können, der auf der Stelle folgte und das Einlenken der Betreibergesellschaft erzwang.

Laurids Ortner hatte das bei der Eröffnung des MQ gewissermaßen vorhergesagt, auch wenn er es wohl anders gemeint haben dürfte: "Das Museumsquartier ist jedenfalls ein Work in Progress und diesen Status sollte es auch beibehalten, selbst wenn es eines Tages baulich vollendet ist."

Service

Museumsquartier Wien
Margherita Spiluttini - Fotos der letzten Tage des alten Messepalasts

Gestaltung

  • Sonja Bettel

Übersicht