Franz Rogowski

STADTKINO FILMVERLEIH

"Transit": Kino im Spiegel der Geschichte

Die deutschen Truppen stehen vor Paris, und Flüchtlinge aus Deutschland warten in Marseille auf die Weiterfahrt: Es sind die Figuren aus Anna Seghers 1942 im Exil verfassten Roman, die Figuren aus dem Jahr 1940, die sich in Christian Petzolds neuem Werk "Transit" durch das heutige Marseille bewegen. Denn anstatt einen Historienfilm zu machen, hat Petzold ("Gespenster", "Barbara", "Phoenix") seine Verfilmung in der Gegenwart angesiedelt.

Kulturjournal | 03 05 2018 | Interview

Christian Petzold im Gespräch über Kontrollverlust, die Sprache von Anna Seghers Roman und sein erstes Drehbuch zu "Transit", das zur Erleichterung des Autors verbrannte.

Morgenjournal | 30 04 2018

Benno Feichter

Der Bub im Dortmund-Trikot

Antiterroreinheiten in Sturmmasken, ein Bub im Borussia-Dortmund-Trikot, im Hafen moderne Containerkräne: Wie eine Folie legt Petzold die Historie über die Gegenwart und macht so einen Raum auf, in dem die Geister der Vergangenheit zur Projektionsfläche werden, auf der sich Schicksale von damals ebenso spiegeln, wie Flucht- und Stadtgeschichten von heute.

"Es gibt ein sehr schönes Zitat von Adorno, der die Hegel-Vorlesungen in Frankfurt mit dem Satz einleitet: 'Auf die Unverschämtheit der Frage, was uns Hegel heute bedeutet, kann man nur antworten, was bedeuten wir vor Hegel?'", so Christian Petzold. "Und so ähnlich sehe ich mein Verhältnis zur Historie. Was bedeuten wir vor der Historie? An dieser Stelle befindet sich dieser Film."

Bleiben darf, wer wieder geht

Das Experiment gelingt: Geschichten und Stimmungen werden umso greifbarer, weil Petzold einen Erzählton trifft, der unsentimental und gerade deshalb umso eindrücklicher ist. Im Zentrum der Handlung steht ein junger Mann. Dieser soll Briefe an einen Schriftsteller überbringen, der sich aber das Leben genommen hat. Er nimmt dessen Identität an und damit die Möglichkeit auf ein Visum für Mexiko.

Er trifft eine Frau, freundet sich mit dem Buben im Dortmund-Trikot an und lernt einen deutschen Arzt kennen. Ständiger Begleiter durch diesen Transitraum zwischen einer Vergangenheit, in die es kein Zurück mehr gibt, und einer möglichen Zukunft, ist die Ungewissheit. Denn: bleiben darf in Marseille nur, wer beweisen kann, dass er wieder gehen wird.

Asylparagraf beschneiden: "Das geht gar nicht"

"Transit" entzieht sich einer zeitlichen Verortung, und so wirken die erzählten Geschichten noch universeller. Gerade deshalb muss dieser Film auch nicht zwangsläufig als Kommentar auf die aktuelle Situation gelesen werden. Stattdessen kommentiert der Regisseur in der Pressekonferenz: "Die Väter des Grundgesetzes haben den Asylparagrafen geschrieben, basierend auf den Erfahrungen die Anna Seghers auch in Marseille gemacht hat, dass Leute festhingen, kein Land wollte sie haben. Sie sind dann in die Lager in den Pyrenäen gekommen und sind dort elendig krepiert oder haben sich umgebracht, so wie Walter Benjamin. Heute reagieren wir auf Fluchtbewegungen damit, dass wir diesen Paragrafen beschneiden und das, finde ich, geht nicht."

Immer wieder bricht Petzold Handlung und Rhythmus des Films mit einer Erzählstimme aus dem Off auf. Er könne Voiceover normalerweise nicht leiden, so Petzold, aber er hier habe er gehofft, "dass die Erzählstimme dem Ganzen etwas Verträumtes, etwas Vergangenes und doch Gegenwärtiges verleihen würde". Und auch das gelingt. "Transit" - ein Film, der präzise wie verträumt ist und vom doppelten Spiegel aus Geschichte und Gegenwart nicht erdrückt wird, sondern im Gegenteil: an Leichtigkeit gewinnt.

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