Lampions in unterschiedlicher Größe

AFP/FRED DUFOUR

Erster österreichweiter "Film Gender Report"

"Wer Macht Film?" - unter dieser titelgebenden Frage steht der erste österreichische "Film Gender Report", der vom Bundeskanzleramt und dem Österreichischen Filminstitut in Auftrag gegeben wurde. Erstmals wurden darin österreichweit die Geschlechterverhältnisse im Bereich des Filmschaffens untersucht - mit erwartbaren, aber auch überraschenden Erkenntnissen.

Kulturjournal | 07 05 2018

Judith Hoffmann

Weniger Frauen im Team = mehr Förderung?

Das Rezept scheint so einfach wie entlarvend: Wollen Sie als Filmteam möglichst viele Fördergelder lukrieren, halten Sie den Frauenanteil in den Stabstellen möglichst gering und setzen Sie vor allem keine Regisseurin ein. Denn so zeige die Untersuchung etwa, dass die Verteilung der Fördergelder etwa 80 zu 20 liege, sagt Studienautorin Eva Flicker.

Ein paar konkrete Zahlen: Bei allen Projekten, die mit einer Million Euro oder mehr gefördert wurden, führte ein Mann Regie und hatte weniger als 50% Frauenanteil in seinem Team. Umgekehrt erhielten vor allem solche Projekte Förderungen unter 50.000 Euro, bei denen drei Viertel bis 100% Frauen am Werk waren.

Auch der berühmte Gender-Pay-Gap, also die unterschiedlich hohe Bezahlung je nach Geschlecht, zeigte sich im untersuchten Zeitraum deutlich, vor allem im Bereich Fernsehen: 31% der Serien stammen von Regisseurinnen, sie kassierten dafür aber nur 8% der Honorare. Roland Teichmann, Direktor des Österreichischen Filminstituts: "Grundsätzlich verdienen ja alle gleich, es gibt Kollektivverträge und die Gagen richten sich nach der Höhe des Produktionsbudgets. Wenn Frauen weniger verdienen oder weniger Förderungen bekommen, dann vor allem, weil sie häufig in wesentlich kleineren Projekten engagiert sind."

Neues Berechnungsmodell, drastische Ergebnisse

Für ihre Studie zogen Eva Flicker und Lena Vogelmann das sogenannte schwedische Modell heran, das die Geschlechterverhältnisse in den Bereichen Regie, Drehbuch und Produktion untersucht, und sie erweiterten es auf ein neues, eigens erstelltes "Inklusionsmodell" mit insgesamt 16 Stabstellen, darunter Casting, Drehbuch, Kamera, Kostüm- und Maskenbild oder Licht und Ton.

Neben der Geschlechterverteilung hinter der Kamera, bei der Mittelvergabe und Honorarhöhe, wurden auch Ausbildung, Filmfestivals und Filminhalte von 100 Spielfilmen analysiert. Mit dem Ergebnis, so Lena Vogelmann: "Es gibt in jedem Bereich Baustellen und Ungleichgewicht."

Eva Flicker zeigt sich überrascht über die "teils extreme Schieflage in der Verteilung", und darüber, dass es offenbar auch im Filmbereich geschlechterspezifische Berufe gebe: "Die Maske ist weiblich, der Ton männlich." Während etwa im Bereich Casting der Frauenanteil bei 91% lag, war der Bereich Licht im untersuchten Zeitraum zu 100% männlich besetzt.

Großes Thema sexualisierte Gewalt

Spannende Erkenntnisse brachte der Report auch in Aspekten abseits der erwartbaren Differenzen bei Besetzungen, Förderungen und Entlohnungen. So lieferte etwa die Analyse von 100 österreichischen Spielfilmen - vom Kinderfilm bis zum Actionthriller - ebenso aufschlussreiche wie überraschende Antworten, erzählt Eva Flicker, zum Beispiel auf die Frage: "Über welche Aspekte der Figuren wird gesprochen?" Drei Viertel der Gespräche über körperliche Attraktivität betrafen Frauen, ein Viertel männliche Figuren.

Und noch ein interessantes, durchaus erschreckendes Detail habe sich gezeigt: "In den 100 Spielfilmen fanden wir über 350 Situationen sexualisierter Gewalt", so die Studienautorinnen. Für Roland Teichmann zeigen diese beiden Teilaspekte ebenso wie alle anderen untersuchten Bereiche eine klare Tendenz: "Je mehr Frauen hinter der Kamera, desto mehr Frauen finden wir vor der Kamera und desto differenzierter werden auch die Figuren - nämlich beider Geschlechter - dargestellt."

Belohnung als Ansporn statt Quote

Allein deshalb sei der vorliegende Bericht ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Weitere, jährliche Updates, freilich in wesentlich geringerem Umfang, sollen künftig folgen. Ein Aufwand der sich in jedem Fall lohne, wie internationale Vergleiche zeigen, so Eva Flicker: "Am Beispiel Schweden sehen wir: Sobald konkrete Zahlen vorliegen, beginnen die ersten konkreten Maßnahmen."

Ebensolche würden in Österreich bereits seit einem Jahr umgesetzt, so Teichmann. Und man baue dabei auf ein zweckgebundenes Belohnungssystem, statt auf vielfach geforderte Quoten. Viele weitere kleine Maßnahmen, darunter Workshops und spezielle Förderungen für Frauen in einzelnen Berufssparten, sollen einen steten Veränderungsprozess in Gang setzen, um die Präsenz von Frauen vor und hinter der Kamera in absehbarer Zeit zu einer Selbstverständlichkeit zu machen.

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