Im Fokus - Religion und Ethik
Mitgefühl unerwünscht
Mit diesem Thema im Fokus: Eine Wertedebatte in den USA
11. März 2026, 16:05
Mitgefühl und Wohltätigkeit gehören zu den ethischen Grundwerten der großen Weltreligionen. Im Christentum gilt die Nächstenliebe als Hauptgebot. Umso mehr fällt auf, dass in den USA immer häufiger negative Aspekte von Mitgefühl thematisiert werden. Von "destructive empathy" ist da die Rede, von "weaponized empathy" und sogar von "suicidal empathy" und Empathie als Sünde.
Diese Begriffe wurden seit den frühen 2010er Jahren geprägt, sie stammen aus konservativ-evangelikalen und aus atheistisch-libertären Kreisen. Über alte und neue Massenmedien sind sie in vielen Teilen der Gesellschaft angekommen. Gegenstimmen kommen meist aus dem progressiven Spektrum: Sie kritisieren die Wortprägungen als politische Propaganda, um traditionelle Machtverhältnisse zu zementieren und moralische Argumente - etwa für Minderheitenrechte, Flüchtlingsschutz oder Klimagerechtigkeit - zu entwerten. Empathie ist in den USA zum kulturellen Kampfbegriff zwischen "woke" und "anti-woke" geworden.
Dass die Abwertung von Mitgefühl gerade in den USA so intensiv betrieben wird, dazu trägt nicht zuletzt auch ihre Mentalitätsgeschichte bei, die stark individualistisch geprägt ist: von der betonten Freiheit des Einzelnen bei der Gründung der Vereinigten Staaten bis zu den Mythen des Pioniers, des American Dream und des freien Marktes mit seinem Unternehmer- und Konkurrenzgeist. Dazu kommen Einflüsse wie jener des Wohlstandsevangeliums ("Prosperty Gospel"), das Reichtum als Gottes Segen und Armut bisweilen als individuellen Makel deutet. Kollektive, solidarisch-absichernde Strukturen wie Sozialstaat oder Gewerkschaften sind in den USA traditionell schwach ausgeprägt - anders als in Europa.
Dass die versuchte Beschneidung von Mitgefühl als gesellschaftlichem Wert bereits Wirkung zeigt, dafür gibt es erste Anzeichen. Michaela Zehetner beschreibt Traditionslinien und jüngere Kontroversen zum Mitgefühl in den USA.
