Alfred Koch im Porträt

Alfred Koch, dem Producer der Ö1 Literatur-Feature-Reihe "Tonspuren", wird heuer der Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Die "Tonspuren" porträtieren ihren Producer.

Dann fiel der Schuss doch. Der Autor des Features hatte so entschieden. Das Geräusch diente, in diesem Fall, als Illustration. Alfred Koch und ich hatten die Frage diskutiert, ob der Schuss gespielt werden solle. Um das Ereignis atmosphärischer zu gestalten. Oder ob man allein den Worten, die von dem Schuss berichten, vertrauen solle. Ich hatte - ohne Erfolg - für Letzteres plädiert.

"Kill your darlings", die Aufforderung, Allzu-lieb-Gewonnenes zu entfernen, ist ein Credo, dessen Wahrhaftigkeit man als Radiogestalter an unzähligen Beispielen erfährt. Alfred Koch ist ein solcher seit mehr als 40 Jahren. Er hat den Schuss gespielt.

Der "Ersthörer"

Ich weiß nicht, wie viele Darlings Alfred mir vor die Flinte getrieben hat. Es ist ein Luxus, jemanden wie ihn als "Ersthörer" zu haben. Verhandelt wurden Formulierungen, die mir gefielen, klangliche Effekte, die ich aufregend gefunden hätte, Musik, die allzu sehr passte. Er hat mir alles, was nicht der Sache diente, ausgeredet. Wenn sich seine Körperhaltung verändert, wenn sein Gesicht auf unverwechselbare Weise zu zucken beginnt, dann weiß man, noch bevor die Argumente kommen, dass der Erzählung an dieser Stelle die Glaubwürdigkeit abhandengekommen ist.

Seit Ende der 1980er Jahre gestaltet Alfred Koch Literatur-Features für die Sendereihe "Tonspuren". Vorgestellt hat er Persönlichkeiten wie E. M. Cioran und Klaus Wagenbach, Paul Auster und Ismail Kadare, Judith Hermann, Hertha Kräftner und Joyce Carol Oates. Er ist Thomas Mann durch Österreich gefolgt und hat das doppelte Leben des Raymond Carver aufgedeckt.

Hände von Alfred Koch

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Entferntes nah

In dem Feature "Über das Unglück, ein Grieche zu sein" sprach er mit dem Schriftsteller und Philosophen Nikos Dimou und zahlreichen anderen Griechen über die Krise in ihrer Heimat. Er ließ aus vielen Stimmen eine werden, die Stimme eines geschundenen Landes. Dass Griechenland nicht einfach ein weit entferntes Dort blieb, sondern in das Wohnzimmer der Ö1 Hörerinnen und Hörer kam und nicht so schnell wieder verschwand, dafür sorgten auch sogenannte Atmos: Hintergrundgeräusche, die zuweilen im Vordergrund landen. Zum Beispiel dieser Schuss.

Nikos Dimou erzählte von einem Rentner, der sich, verzweifelt durch die Situation im Land, auf dem Syntagma-Platz in Athen erschossen hatte. Ich war damals als Sprecher an der Entstehung des Features peripher beteiligt und habe das fertige Stück erst im Radio gehört. Wir hatten über die Verwendung des Schusses, den Koch zufällig (!) in Athen aufgenommen hatte, gesprochen.

Der richtige Fleck

Ich habe das Feature sechs Jahre später wieder gehört. Der Schuss war da. Aber nicht dort, wo ich ihn in Erinnerung hatte. Sondern an einer Stelle, an der noch nicht vom Suizid des Pensionisten die Rede war. Davor. Unvermittelt. Kommentarlos. Ganz und gar nicht illustrativ. Ein Knall mitten hinein in den Text des Sprechers. Die Auflösung des Rätsels kam erst, nachdem die von dem Schuss ausgelöste Irritation ihre Wirkung hatte entfalten können.

In der Vorbereitung auf das Porträt, das am 26. Juni ausgestrahlt wird, nach Jahren in dem Glauben, dass Alfred Koch hier sein Darling hätte killen müssen, darf ich zugeben, dass ich damals im Irrtum war. Der Schuss, scheinbar ziellos in die Erzählung gestreut, saß am richtigen Fleck. Und weil er so sehr gestimmt hatte, verwendete ihn der Meister ein paar Minuten später noch einmal.

Axel-Eggebrecht-Preis für Lebenswerk

Alfred Koch, dem Producer der Ö1 Literatur-Feature-Reihe "Tonspuren", wird heuer der Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Aus diesem Anlass spricht er über das Gelingen von Interviews, über die Weisheit des Zufalls sowie über Darlings, die man "schießen" kann, und solche, die es wert sind, geliebt zu werden.

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