Frauenmuseum Hittisau, Außenansicht

ANGELA LAMPRECHT

Maasai Baumeisterinnen aus Ololosokwan

In den Dörfern der Maasai sind Frauen alleine für den Bau und den Erhalt der traditionellen Hütten (Enkaji) verantwortlich. Die Ausstellung im Frauenmuseum Hittisau präsentiert anhand von zehn ausgewählten Maasai-Baumeisterinnen aus Ololosokwan (Tansania) deren bewegenden Lebensgeschichten sowie die von ihnen erbauten Gebäude.

Wie baut man ein Haus aus Ästen, Erde, Asche, Sand, Kuhdung, Urin und Wasser? Wo lassen sich die individuellen Körperproportionen der Frauen in den Häusern wieder finden? Warum ist es im Inneren so dunkel? Dies sind nur einige der Fragen, die in der Ausstellung thematisiert werden.

Zehn Handwerkerinnen aus dem Bregenzerwald und Umgebung gestalteten für die Ausstellung je eine Holztruhe für eine der Maasai-Baumeisterinnen. Darin waren von den Baumeisterinnen zur Verfügung gestellte Gegenstände sowie Fotos und Texte zu finden.

Diese außergewöhnlich gestalteten Holztruhen wurden während der Finissage am 8. Oktober 2017 in Kooperation mit dem Aktionshaus Zeller versteigert. Rund 30.000 Euro kamen so dem Ausbildungs- und Selbsthilfe Projekt SIDAI zugunsten der Mädchen aus Ololosokwan zugute. Das Projekt ermöglicht den Mädchen eine gute Schulbildung und versteht sich als langfristige Maßnahme gegen die grausame Praxis der Genitalverstümmelung.

Expert/innen weltweit sind sich darüber einig, dass der Weg aus der schweren Menschenrechtsverletzung der Genitalverstümmelung nur über die Bildung von Frauen führen kann. Es war dem Frauenmuseum Hittisau bei der Konzeption sehr wichtig, dass ein Projekt nicht über, sondern für die Maasai-Baumeisterinnen in Ololosokwan entstehen sollte. So werden die eigentlichen Protagonistinnen der Ausstellung, die Maasai-Baumeisterinnen, zu Nutznießerinnen des Projekts.

Das Museum wurde mit vielfältigen Sachleistungen, die aus dem laufenden Budget nicht hätten bewältigen können, unterstützt:

  • Produktion von Fotobahnen und Texttafeln, Bodenbeschriftungen und Hands-on-Materialien (www.typico.com)
  • Herstellung von zehn Truhen aus Weißtanne durch eine Tischlerin aus dem Bregenzerwald
  • Gestaltung von zehn Truhen durch zehn Handwerkerinnen aus der Region (Monika Arnold, Maria Christern, Christina Fetz-Eberle, Belinda Hager, Manuela Maass, Heidi Maurer, Martha Niederacher, Petra Raid, Ina Rüf-Amann, Irmgard Schwärzler und Bianca Winder)
  • Schmuckkonfektionierung durch eine Schmuckdesignerin aus dem Bregenzerwald (www.klunkar.com)
  • Kuratorische Arbeit durch die Baumeisterin Mag.a arch. Cornelia Faißt, Hochschuldozentin an der Universität Liechtenstein
  • Honorarsponsoring durch DI Mag. arch. Hugo Drowzak, Leiter des Architekturinstituts der Universität Liechtenstein
  • Professionelle Versteigerung der Truhen durch das Auktionshaus Zeller (www.zeller.de)
  • Museumsunterstützung durch die Gesellschaft zur Förderung des Frauenmuseum HIttisau (Sponsoring von Museumshockern, einer Tonanlage und einer Personenführungsanlage)

Das Museum legt großen Wert auf die Einbindung regionaler Anbieter_innen mit dem Ziel, eine nachhaltige und langfristige Identifikation mit dem Frauenmuseum Hittisau und dessen Leitbild zu erreichen. Der Weg zu den Sponsor_innen führt immer über die jeweiligen Inhalte.

Das Frauenmuseum und seine Aufgabe

Das Frauenmuseum Hittisau (Bregenzerwald) ist das erste und einzige Frauenmuseum Österreichs. Es ist auch das weltweit einzige im ländlichen Raum. Es wurde im Jahr 2000 gegründet und hat seither vierzig Ausstellungen zu frauenrelevanten Themen aus den Bereichen Geschichte, Kultur- und Kunstgeschichte, Architektur und zeitgenössischen Kunst gezeigt.

Das Frauenmuseum Hittisau versteht sich als Ort des Dialogs, der Auseinandersetzung, der Weiterbildung und des Empowerments für Frauen. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauengeschichte und das Kulturschaffen von Frauen in möglichst vielen Facetten sichtbar zu machen, zu erforschen, zu dokumentieren, zu vermitteln und auszustellen. Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Kultur aus Frauenperspektive vertieft oder erweitert weibliche Identitäten, regt Reflexionsprozesse an und schärft das Bewusstsein von Frauen und Männern für die historische und gesellschaftliche Bedingtheit von Geschlechterrollen und deren Gestaltbarkeit.

Die Kulturvermittlerinnen: Wer spricht?

Im Hinblick auf eine sich verändernde Gesellschaft mit ihrem großen demografischen Wandel müssen sich Museen der Inklusionsherausforderung stellen und schrittweise Voraussetzungen schaffen und verbessern, um lebenslanges, generationenübergreifendes Lernen zu ermöglichen und Kultur für Alle unabhängig von Geschlecht, Alter, Leistung, ethnischer Herkunft oder besonderen Bedürfnissen zugänglich zu machen.

Für das Frauenmuseum Hittisau war Inklusion von Anfang an ein zentrales Thema, vor allem in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit. Inklusions- und Exklusionsmechanismen, Mechanismen der Teilhabe an oder des Ausschlusses von gesellschaftlichem Leben, Fragen der Partizipation und Kooperation sind zentral in allen unseren Ausstellungen und Projekten. In unserer Arbeit möchte das Frauenmuseum Hittisau vermitteln, was es bedeutet, wenn jemand Zugang bekommt oder ausgegrenzt wird, wenn jemand teilhaben kann oder nicht.

Eine große Besonderheit liegt im Frauenmuseum Hittisau in der Art der persönlichen Vermittlung. Im Frauenmuseum Hittisau sind über zwanzig Kulturvermittlerinnen aus der Region beschäftigt. Sie sind zwischen 18 und 88 Jahre alt und haben unterschiedliche Bildungs-, Berufs- und Herkunftshintergründe. Im Team hat eine Schülerin ebenso Platz wie eine Lehrerin, eine Speditionskauffrau wie eine Kindergartenpädagogin, eine Bäuerin wie eine Kultur- und Wanderführerin, eine Rentnerin wie eine Grafikerin, eine Theaterregisseurin wie eine Altenpflegerin. Die Kulturvermittlerinnen setzen sich laufend mit verschiedensten Themen intensiv auseinander, um anschließend in eine authentische Kommunikation mit dem Publikum treten zu können.

Die Frage „Wer spricht?“ spielt im Frauenmuseum Hittisau eine überaus wichtige Rolle. Das Sprechen-Dürfen ist weder an eine akademische Ausbildung noch an die Position im Organigramm oder die Jahre der Zugehörigkeit zur Institution gebunden. Die einzige Voraussetzung ist eine intensive, ernsthafte und tiefe Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen der Ausstellungen und Projekte. Die Kulturvermittlerinnen ermächtigen sich so selbst zu sprechen.

Das Programm

Das Frauenmuseum Hittisau zeigt eine bis zwei Ausstellungen pro Jahr, die eine frauenrelevante Thematik aus den Bereichen Kulturgeschichte, Geschichte, Kunst, Architektur, Sozialgeschichte etc. durchleuchten. Begleitend zu den Ausstellungen bietet das Frauenmuseum ein dichtes Rahmenprogramm an. Das Vermittlungsprogramm ist differenziert und bietet sowohl erwachsenen- als auch kinderspezifische Veranstaltungen an.

Jährlich finden im Frauenmuseum rund 300 Veranstaltungen statt: individuell gestaltete Führungen, Vermittlungsprogramme für Kinder und Schulen, wöchentliche Kinderworkshops, Sonderprojekte mit Schulen, Vorträge, Workshops, Tagungen, Konzerte, Lesungen, Theaterproduktionen, Seminare und Filmvorführungen.

Sammeln, Bewahren, Forschen und Dokumentieren

In Zusammenhang mit dem Sammlungskonzept stehen im Frauenmuseum Bewusstseinsbildung und Dokumentation an erster Stelle. Das Frauenmuseum Hittisau sammelt Wissen und Objekte des Frauenalltags, der materiellen und immateriellen Kulturen der Frauen. Diese werden in einer Bilddatenbank bzw. einer Audio-Datenbank gendersensibel dokumentiert.

Derzeit umfasst die dokumentierte Sammlung rund 7.800 Objekte. Darüber hinaus hat das Frauenmuseum eine dislozierte Sammlung, die für das Museum von großer Bedeutung ist: Leihgaben werden in der Bilddatenbank dokumentiert, um dann angereichert mit Wissen, Erinnerung und Würdigung wieder in den ursprünglichen Kontext zurückgeben.

Aktuelles Ausstellungsprogramm 2018


PFLEGE DAS LEBEN. Ein vielstimmiges Projekt
Derzeit zeigt das Frauenmuseum Hittisau die Ausstellung „PFLEGE DAS LEBEN“. Sie ist den komplexen Themen der Pflege, Betreuung und Sorgekultur gewidmet. Es handelt sich um eine kulturhistorische und gesellschaftspolitische Annäherung an ein komplexes Thema mit einem künstlerischen Oral-History-Projekt von Ines Agostinelli und Werken von Judith P. Fischer, Regina Hügli, Martin Jennings, Anna Jermolaewa, Heide Heimböck, Kirsten Helfrich, Dorothea Koch, Mark Riklin, Ronja Svaneborg, Georg Vith und Alexandra Wacker.

Pflege und Betreuung betreffen alle Altersstufen und Gesellschaftsschichten. Ältere und kranke Menschen erleben sie selbst, junge Menschen als Teil ihres Alltags dort, wo Angehörige und Bekannte gepflegt werden oder pflegen. Frauen sind besonders betroffen, denn Pflegearbeit ist gesellschaftlich nicht gleichmäßig verteilt. Sie wird zum überwiegenden Teil von Frauen geleistet. Dies gilt sowohl für unbezahlte als auch für bezahlte Pflegearbeit. Aber auch als Gepflegte stellen Frauen statistisch die Mehrheit.

Die Ausstellung widmet sich der Kulturgeschichte der Pflege mit dem Fokus auf Frauengeschichte. Die Sammlung der Maria Hagleitner zur Pflegegeschichte liefert wertvolle Exponate. Gleichzeitig untersucht das Oral-History-Projekt von Ines Agostinelli „Erinnerungslexikon Pflege“ persönliche Erfahrungen und kollektive Erinnerungen. Dafür wurden zahlreiche Interviews mit betroffenen ZeitzeugInnen geführt. Zeitgenössische künstlerische Positionen kommentieren und vertiefen Themen wie Demenz, 24-Stunden-Pflege oder das Altern.

Das Projekt greift aktuelle Diskussionen rund um Pflegearbeit, Professionalisierung oder 24-Stunden-Pflege auf. An der Entstehung des Projektes waren viele im Bregenzerwald aktiven Pflege- und Betreuungsorganisationen beteiligt. In einem Open Space haben zahlreiche Institutionen und Einzelpersonen Gedanken und Erfahrungen eingebracht. Insgesamt waren rund 150 Personen in die Entwicklung des Projektes eingebunden.

Kommenden Projekte

  • Ausstellung „100 Jahre Frauenwahlrecht“
  • Ausstellung „Sankt. Kümmernis, die Frau am Kreuz. Eine neu entdeckte Kultfigur“
  • Ausstellung „Geburtskultur“
  • Komponistinnenfestival „Frauengeschichten. Ein Festival erzählt und lässt aufhorchen“

Service

Frauenmuseum Hittisau

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