Buch des Monats, Aufsteller

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gudrun Seidenauer: "Was wir einander nicht erzählten"

Gudrun Seidenauers aktueller Roman über das Zerstörerische des Unausgesprochenen ist das "Ö1 Buch des Monats".

Mella und Marie sind unzertrennlich seit Teenagertagen, gemeinsam gehen sie durch dick und dünn. Bis eines Tages Irritationen auftauchen, die sich zu Verrat und Streit auswachsen. Als sich die beiden Jahrzehnte später zufällig wieder treffen, brechen schlecht vernarbte Wunden auf.

Man könne einen Menschen durch ein Lächeln töten oder durch Schweigen, heißt es in Max Frischs Roman "Stiller". Die Salzburger Autorin Gudrun Seidenauer nimmt diese Motive in "Was wir einander nicht erzählten" auf und variiert sie auf ihre Weise. Auch das Thema Identität und Selbsterkenntnis spielt hinein in die Geschichte einer Freundschaft, die das Leben zweier Frauen beseelt und doch wie ein Stein beschwert.

Zwei wie Pech und Schwefel

Marie ist zwölf und ein unbedarftes Mädchen, als Mella in ihre Klasse kommt: Sie ist neu in der kleinen Stadt und kennt dort niemanden. Was sich schnell ändert, denn Mella und Marie fliegen aufeinander, trotz ihrer unterschiedlichen Wesensart und Herkunft. Maries Eltern sind bodenständige Menschen mit festen Ansichten, Mellas Vater Alex ist ein Musiker und Freigeist und darin ein Reisender ohne großes Gepäck, der Frau und Kind bis nach Afrika und Asien mitgeschleppt hat.

Die Bewohner der Kleinstadt zerreißen sich das Maul über das unkonventionelle Trio. Besonders Mutter Cordula nährt die Vorurteile: Da sie psychisch krank ist und die meiste Zeit in einem Sanatorium behandelt wird, müssen sich Vater und Tochter alleine durchschlagen. Auch darüber gibt es einiges zu tuscheln in der österreichischen Provinz der 1970er Jahre. Mella zeigt sich von derlei Tratsch unbeeindruckt und gibt sich kämpferisch und innerlich autonom, indem sie Menschen und Dinge mit fremdem Blick beobachtet, auf Distanz geht oder sich in kleine Lügen flüchtet.

Leere und Angst zum Begleiter

Träume und die Kraft des Erzählens beflügeln sie. Kaum jemand spürt, wie viel Anstrengung es sie kostet, sich so frech durch die Tage zu manövrieren. Marie und deren Zuneigung und Bewunderung geben Mella Sicherheit in jenen Phasen, da ihre Mutter Cordula unaufhaltsam in ihre Krankheit abdriftet. Vater Alex bemüht sich zwar, ein stabiles Zuhause zu schaffen. Doch die Leere und Angst, die Mella diffus und quälend begleiten, kann er nicht bannen. Zumal er selbst gefangen ist in der ambivalenten Leidenschaft für seine psychotische Frau.

Marie und Mella bilden gemeinsam eine Art Insel, teilen Gedanken, Geheimnisse und Träume. Zugleich wollen sie nicht bemerken, wie sich Misstöne in ihre Harmonie einschleichen. Maries Bruder verliebt sich in Mella, ein kurze Tändelei, die bald wieder endet. Noch gravierender aber sind die Gefühle, die zwischen Marie und dem sehr viel älteren Alex aufbranden und die sie vor Mella geheim hält. Und das zu eben jener Zeit, da sich Mutter Cordulas Zustand sich weiter zuspitzt und sie sich umbringt.

Wiedersehen in Japan

Gudrun Seidenauer beschreibt die Höhen und Tiefen dieser Mädchen- und Frauenfreundschaft subtil und stimmig. Oft liegt eine fiebrige, gefährlich aufgeladene Stimmung in der Luft, fast so, als würde sich ein Gewitter ankündigen. Doch die Freundinnen schweigen, wenn ein ehrliches Wort oder eine Aussprache angesagt wäre. Bis sich der Bruch nicht mehr abwenden lässt. Der Roman ist geschickt gebaut, mit Vor- und Rückgriffen, mit Andeutungen, die sich erst nach und nach konkretisieren. Der Perspektivenwechsel öffnet den Blick und akzentuiert die Persönlichkeiten der beiden Freundinnen und damit das Verbindende und Trennende.

Die etwas zerrissene Form des Erzählen entspricht dem ungeklärten Verhältnis, das die Frauen verbindet, als sie sich zwanzig Jahre nach dem abrupten Ende ihrer Freundschaft ungewollt über den Weg laufen, ausgerechnet in Japan, tausende Kilometer entfernt von ihrem Alltag: Dort fühlen sie sich schutzloser, als sie es wohl daheim gewesen wären. Sie begegnen sich höflich-distanziert und spüren zugleich drängend, dass es einiges zu klären gibt, um Versäumtes nachzuholen. Existiert er, der richtige Zeitpunkt, zu reden und zu handeln? Oder bleibt er Wunschtraum? Die Autorin hat kein Rezept parat. Es gelingt ihr aber, die Erfahrungswelten der jungen und dann älter gewordenen Frauen plastisch zu schildern und damit den Tonfall der Hauptfiguren lebendig und glaubwürdig zu gestalten, ohne sie damit unnötig zu psychologisieren.

Gudrun Seidenauers Roman macht Türen zu weiten Räumen auf. Dort ist es oft still. Die Geschwätzigkeit wohnt andernorts. Und das ist in diesem Fall gut so.

Service

Gudrun Seidenauer, "Was wir einander nicht erzählten", Milena Verlag

Gestaltung

  • Susanne Schaber

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