Denkmal des KZ Mauthausens

APA/HANNES DRAXLER

Mauthausen: Bewusstsein schaffen in einer schwer belasteten Region

Mauthausen in Oberösterreich ist bekannt als KZ-Ort und als Stätte der Erinnerung. Auch in Nachbarorten waren in der NS-Zeit Orte des Grauens und der Vernichtung angesiedelt - eine riesige Stollenanlage in St. Georgen an der Gusen etwa, in denen Flugzeugteile produziert wurden. 90.000 Menschen kamen damals in der Region Mauthausen, Langenstein und St. Georgen an der Gusen ums Leben. Die drei Gemeinden haben sich nun zu einer Bewusstseinsregion zusammengeschlossen, um die Zeit des Nationalsozialismus in ihren Gemeinden aufzuarbeiten und um daraus sinnvolle Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen.

8. bis 11. November 2018: An jenen Tagen, an denen Österreich der Novemberpogrome von 1938 gedachte, fand in Mauthausen das zweite Menschenrechtesymposium statt. Lehrlinge redeten mit dem 93jährigen Zeitzeugen Franz Hackl, der während der NS-Zeit Schlosserlehrling im KZ Gusen war. Geflüchtete Frauen aus Afghanistan und Jemen sprachen über Geschlechterrollen. Kinder erlebten in einem Mitmach-Theater, dass es auch blaue Schlossgespenster gibt und niemand wegen seines Andersseins verspottet werden darf.

Vergessen oder Erinnern?

Ein Menschenrechtesymposium in Mauthausen. An jenem Ort, der in Österreich symbolhaft für den Terror des NS-Regimes steht. Noch immer werden die Menschen in Mauthausen gefragt, wie sie denn überhaupt dort leben könnten. "Ich wohne an einem sehr schönen Platz, bei der Kirche", sagt die gebürtige Linzerin Monika Woukonig, die vor elf Jahren nach Mauthausen zog. "Mir ist passiert, dass jemand sagte: ‚Sie haben da einen so schönen Platz, aber das KZ da in der Nähe, das ist ein Wahnsinn, man sollte das einmal abreißen, dass da endlich Ruhe ist.‘" Worauf sie erwiderte: "Das Wegreißen und Vergessen und Nicht-mehr-drüber-Reden ist das Schlechteste, was wir machen könnten." Monika Woukonig geht oft und sehr bewusst zur Gedenkstätte.

"Wir wollen den Menschen, die hier leben, bewusst machen, was hier passiert ist." Thomas Punkenhofer, Bürgermeister von Mauthausen (SPÖ).

Vergessen oder ständig an die NS-Zeit erinnert werden – damit müssen sich die Menschen in der Region um Mauthausen seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Nicht nur in Mauthausen gab es ein KZ, auch im Nachbarort Gusen war ein Lager, das genauso groß und genauso schrecklich war. Nach dem Krieg wurde das KZ Mauthausen zur Gedenkstätte erklärt, das Lager Gusen dagegen riss man ab und versuchte es zu vergessen. Bis in den 1980er Jahren eine neue Generation wissen wollte, was passiert war, und in vorbildlicher Weise die Geschichte aufarbeitete. Auch enge persönliche Verbindungen mit Überlebenden der Lager und ihren Familienangehörigen haben sich seither entwickelt.

Dialog über Bewusstseinsregion

Doch in den Konflikt zwischen Erinnern, Gedenken und Vergessen geraten die betroffenen Gemeinden immer wieder. Etwa 2010, als in Langenstein ehemalige SS-Baracken abgerissen werden sollten und das Bundesdenkmalamt sie schnell unter Schutz stellte. "Da sind dann Widerstände entstanden, wo Leute hinterfragt haben, ob das notwendig ist. Überall dort, wo es zu wenig Kommunikation miteinander gibt, entstehen Reibungen und Konflikte, und wenn die nicht bearbeitet und besprochen werden, Widerstände", sagt Andrea Wahl, heute Leiterin der "Bewusstseinsregion". Angesichts des Unmuts über die Unterschutzstellung entschied sich das Bundesdenkmalamt zu einem Beteiligungsprozess mit der Bevölkerung. Dabei entstand die Idee, dass sich die drei Gemeinden Mauthausen, Langenstein und St. Georgen zu einer "Bewusstseinsregion" zusammenschließen.

"Wir wollen den Menschen, die hier leben, bewusst machen, was hier passiert ist", sagt Thomas Punkenhofer, Bürgermeister von Mauthausen (SPÖ). "Wir wollen auch bewusst machen, was heute ist. Wir wollen das Bewusstsein schärfen vor allem in Richtung der Menschenrechte." Deshalb soll das Menschenrechtesymposium auch jährlich stattfinden.

Schriftzug "durchkreuzen"

PLATTFORM JOHANN GRUBER / CHRISTIAN HERZENBERGER

Kunstprojekt schlägt Wellen

Auch in St. Georgen an der Gusen kam es zu einem Konflikt. Zur Erinnerung an den widerständigen Priester Johann Gruber, der im KZ Gusen ermordet wurde, wurde 2013 ein Kunstprojekt auf dem Kirchenvorplatz realisiert. "Dieses Kunstprojekt hat große Wellen geschlagen", sagt der Theologe Christoph Freudenthaler. "Viele haben gesagt: Ihr rührt in alten Wunden. Lasst die Geschichte ruhen. Andere haben gesagt: Es ist wichtig, dass wir die Geschichte dieses Ortes wahrnehmen und dass wir uns mit dieser Geschichte auseinandersetzen. Und dass wir vor allem den Bezug zur Gegenwart schaffen."

Teil des Kunstprojekts ist eine weiße Linie aus Wörtern, die quer über den Kirchenplatz verläuft: "verschließen versteinern erschüttern vergessen durchkreuzen widersprechen verwüsten aufdecken freiräumen dagegenstehen". Der Konflikt ist längst beendet, doch die Wörter – und die Person Johann Gruber – haben viele Menschen zu humanitärem Engagement inspiriert.

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