Buch des Monats

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodins aktueller Roman über das Leben ihre Vaters ist das "Ö1 Buch des Monats".

Jurybegründung: "Natascha Wodin erzählt noch das Grauenvollste in einem zurückgenommenen, nüchternen Ton, der dem Ungeheuerlichen jedoch angemessen erscheint. Ihr Schreiben erscheint dabei nicht zuletzt als die überzeugende Antwort auf das Schweigen ihres Vaters und einer von schuldhaftem Verdrängen geprägten deutschen Nachkriegsgesellschaft. Das aktuelle Buch ist nichts weniger als der stille, zurückhaltende Triumph einer Autorin über die Traumata ihrer Biografie."

Ex libris | 18 11 2018
Rezension von Holger Heimann

Spät ist Natascha Wodin zur Schriftstellerin geworden. 1945 in Fürth geboren, hat sie erst als Telefonistin und Stenotypistin, dann als Dolmetscherin und literarische Übersetzerin gearbeitet. 1983 erschien ihr Romandebüt "Die gläserne Stadt". Ihr mittlerweile umfangreiches Werk wurde vielfach prämiert. Im Vorjahr erhielt sie für das Buch "Sie kam aus Mariupol", mit dem Wodin ihrer Mutter ein Denkmal gesetzt hat, den Preis der Leipziger Buchmesse.

Etwas gärte in ihr ...

Natascha Wodin wollte mit dem Leben, das sie als Kind und Jugendliche gekannt und durchlitten hatte, lange nichts zu tun haben. Kein Wunder: 1945 geboren, wuchs sie in einem Lager für Displaced Persons am Rand einer fränkischen Kleinstadt auf. Ihre Eltern waren als Zwangsarbeiter 1943 aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden. Die Mutter beging 1956 Selbstmord, mit 36 Jahren. Natascha Wodin war damals zehn Jahre alt, "wollte aus diesem Displaced-Persons-Dasein und eine richtige Deutsche werden". Und von ihrer ganzen Herkunft "überhaupt nichts wissen".

Doch zugleich kam sie nicht los von ihrer Biografie, so erzählt es die heute in Berlin lebende Autorin. Etwas gärte in ihr. Die junge Frau, die mit 19 Jahren heiratete, um ihrem armseligen Dasein zu entkommen und nach München zog, verstand sich selbst und die Welt nicht. Die verdrängten Bilder und Erfahrungen holten sie immer wieder ein. Verzweifelt suchte sie nach Hilfe. Mehrere, über Jahre andauernde Therapien schlossen sich an.

Vaters Schweigen blieb absolut

Natascha Wodins gesamtes Werk ist autobiografisch grundiert. Doch ihr Schreiben ändert sich in den Jahren nach ihrem Debütroman. Die ausgedachten und erträumten Passagen treten zunehmend zurück, an ihre Stelle rückt später eine dokumentarische Prosa. In ihrem Bestseller "Sie kam aus Mariupol" hat Wodin die ergreifende Geschichte ihrer Mutter erzählt.

Jetzt hat sie ein Buch über den Vater folgen lassen, dass passenderweise "Irgendwo in diesem Dunkel" heißt. Denn im Dunklen verbleibt der größte Teil der Lebensgeschichte dieses Mannes, der die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1989 in einem deutschen Altersheim verbrachte und der Zeit seines Lebens nicht mehr als die Wörter "brauche" und "brauche nix" in der Sprache des Landes lernte, in das er 1943 gekommen war. Das Schweigen, das um den 1900 geborenen Mann ist, bleibt zeitlebens absolut. Vor allem die russischen Jahre verschwimmen im Nebel der Vergangenheit. Der Vater erscheint seiner Tochter auch deswegen als ein Fremder.

Eine unscharf gerissene Figur

Anders als das grandiose Mutterbuch, das von erstaunlichen Recherchefunden profitiert, kann Natascha Wodin mit Blick auf den Vater nur von Lücken und von Sprachlosigkeit berichten. Der Mann, den das Leben hart und unnachgiebig gemacht und den seine Tochter wegen seiner Lieblosigkeit gehasst hat, bleibt eine undurchsichtige und unscharf umrissene Figur. Kenntlich wird in dem Buch, das in Anlehnung an Natascha Wodins bereits 1989 erschienenen Roman "Einmal lebt ich" entstanden ist, stattdessen die Tochter des Heimatlosen, mithin die Autorin als junge Frau selbst. Deren erbitterte Konfrontation mit dem Vater erreicht immer extremere Ausmaße.

Flucht und Abstieg der Tochter

Dass seine Tochter fast verdurstet, scheint den Mann nicht zu interessieren. Das Mädchen wird wenig später von zu Hause fliehen und fortan die Schule schwänzen. Sie lebt als Landstreicherin, übernachtet in Schuppen, isst, was sie auf den Feldern findet, stielt im Supermarkt oder erbettelt sich Almosen auf der Straße. Die allmähliche Emanzipation vom Vater, auch von dieser erzählt Natascha Wodin, bedeutet zugleich einen stetigen Abstieg, der immer tiefer führt. Eine schier bodenlose Bedürftigkeit und ein ungestillter Liebeshunger machen das Mädchen zur leichten Beute für einen Fremden, der sie brutal vergewaltig. Als sie später feststellt, dass sie schwanger ist, nimmt sie die Abtreibung selbst vor.

Natascha Wodin erzählt noch das Grauenvollste in einem zurückgenommenen, nüchternen Ton, der dem Ungeheuerlichen jedoch als einzig angemessener erscheint. Wie streng durchgearbeitet diese Sätze sind, lässt sich dabei leicht übersehen.

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