Menschenmenge, Kohlezeichnung

Gedenkstätte Theresienstadt, PT 13150

Ghetto Theresienstadt - Das Vorzeige-Lager

Von den Nationalsozialisten als Lebensraum unter "jüdischer Selbstverwaltung" für privilegierte, verdiente und alte Personen jüdischer Herkunft präsentiert, war der Ort Theresienstadt, nördlich von Prag, de facto eine Transitstätte für Deportationen in die Todeslager im Osten. Kein anderes NS-Lager wurde derart offensiv zur Täuschung über den Plan der Ermordung der europäischen Juden eingesetzt.

Gedenkstätte Theresienstadt, PT 8184

Ferdinand Bloch: Warteschlange für Essen, 1942

Viele der künstlerischen Arbeiten, die aus Theresienstadt erhalten sind, thematisieren die Situation der prekären Nahrungsversorgung. Die Kost bestand meist aus verfaulten Kartoffeln, verschimmeltem Brot und Suppen aus Kartoffelschalen.

Das Leben im 1941 eingerichteten "Vorzeige-Ghetto" war geprägt von massiver Überfüllung, Unterernährung, Epidemien bei unzureichender medizinischer Versorgung, hohen Todesraten und willkürlicher Gewalt durch die SS.

Demgegenüber stellte die NS-Propaganda den Ort als Referenz für die praktizierte "humane" Behandlung der Juden heraus, insbesondere nach Bekanntwerden der Existenz der Gaskammern in Auschwitz und von Details über den stattfindenden Massenmord durch alliierte Medien.

Die in das so bezeichnete "jüdische Siedlungsgebiet" verbrachten ca. 140-150.000 Jüdinnen und Juden stammten aus der Tschechoslowakei sowie aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Ungarn und Österreich. Mehr als 15.000 Menschen wurden aus Österreich in die ehemalige habsburgische Garnisonsstadt deportiert.

Obwohl die Darstellungen eines bevorzugten "Alters- und Prominentenghettos" als Strategien für einen reibungslosen Ablauf der Beraubung, Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung dekonstruiert wurden, hielt sich nach 1945 die Legende, dieses Todes-Transitlager sei ein verhältnismäßig erträglicher Aufenthaltsort für Jüdinnen und Juden unter dem NS-Regime gewesen.

Für die Ö1 Sendereihe "Betrifft: Geschichte" spricht Andreas Wolf mit Vojtech Blodig, Deputy Director des Terezín Memorial. Die Bildtexte stammen von der Zeithistorikerin Rosemarie Burgstaller, die eine aktuelle Theresienstadt-Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum kuratierte.

  • Bedrich Fritta: Wasserturm in Theresienstadt Trotz Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen reichte die Funktionstüchtigkeit der Wasseranlage nie aus. Aufgrund von Wassermangel, der unzureichenden hygienischen Bedingungen und der schlechten Ernährung breiteten sich Epidemien rasch aus.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 6255 © Daniel Haas, David Haas, Ronny Haas, Michal Foell

  • Menschenmenge, Kohlezeichnung

    Karel Fleischmann, Zählung im Bauschowitzer Kessel, 11.11.1943 Immer wieder wurden von der SS so genannte "Volkszählungen" angeordnet, als Repressalie, wenn weniger Menschen als angeordnet auf Transportlisten gesetzt wurden, Insassen sich den Transporten entzogen hatten oder geflüchtet waren.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 13150

  • Zdenka Eismannova, Unterkunft auf dem Dachboden Von Juni bis September 1942 stieg die Zahl der Häftlinge von rund 21.000 auf knapp 60.000 an. Unzählige mussten Notquartiere auf ungeschützten Dachböden beziehen. Oftmals lagen die Menschen am bloßen Boden, die Öfen funktionierten nicht. Tausende starben.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 12310

  • Gisela Rottonara: Spital, Oktober 1942 Versuche, im Ghetto eine Form von "Normalität" zu finden und mit dieser Umgebung zurechtzukommen, spiegeln sich in vielen Skizzen wider, die die Häftlinge für sich selbst herstellten. Der manchmal harmlose Anschein trügt. Im Ghetto kämpfte jeder um sein körperliches und geistiges Überleben.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 14158

  • Bedrich Fritta, Transport, 1941–1944 Auch die ständige Angst vor Deportation bestimmte das Leben der Menschen im Ghetto. Fast 87.000 Menschen wurden aus Theresienstadt weiter in Vernichtungslager wie Maly Trostinec, Treblinka oder Auschwitz-Birkenau deportiert, weniger als 3,5 % von ihnen überlebten die Shoah.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 6268, © Daniel Haas, David Haas, Ronny Haas, Michal Foell

  • Bedrich Fritta: Varieté, 1943-1944 "Es gibt so viele Gegensätze hier. Im Hof ein Kabarett mit Sängern und im Haus sterben die Alten und Kranken. Große Kontraste. Die Jungen sind voller Verlangen nach einem Leben und die Alten, ohne Ort und ohne Ruhe.", Gonda Redlich (19. 07. 1942)

    Jüdisches Museum Berlin und David Haas, L-2003/3/155, © Jens Ziehe

  • Leo Haas: Zeichensaal in Theresienstadt, 1943 Im Zeichensaal des Technischen Büros der "Jüdischen Selbstverwaltung" mussten technische Zeichnungen ausgeführt werden sowie Grafiken für die SS-Kommandantur. Im Geheimen fertigten die Künstler Dokumentationen der wahren Zustände im Lager an.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 1541, © Daniel Haas, David Haas, Ronny Haas, Michal Foell

  • Otto Ungar: Portrait Johanna Frittová, 1942–44 Fünf Künstler, die das Elend im Ghetto heimlich dokumentiert hatten, wurden am 17. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und mit ihren Familien in die "Kleine Festung", dem Ghetto-Gefängnis, gebracht. Johanna Frittová starb dort mit 35 Jahren an den Folgen ihrer Lagerhaft.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 2689 © Pavel Weisz, Tomáš Weisz, Eva Odstrčilová

  • Bedrich Lederer, In der Zelle, 1945 Im Juni 1940 wurde in der sogenannten "Kleinen Festung", einem Teil des Festungskomplexes, ein Gestapo-Gefängnis eingerichtet. Rund 35.000 Menschen wurden hier bis 1945 inhaftiert. Bedrich Lederer erlebte die Befreiung 1945 im Lager.

    Gedenkstätte Theresienstadt, PT 9692, © Eli Lev

  • Ausstellungsansicht, "Das Herz so schwer wie Blei" In seiner aktuellen Ausstellung dokumentiert das Volkskundemuseum Wien noch bis 16. Dezember 2018 siebenundzwanzig Kunstschaffende, die zum Zeitpunkt ihrer Deportation zwischen zehn und vierundachtzig Jahre alt waren. Lediglich acht von ihnen haben die Shoah überlebt.

    kollektiv fischka / kramar © Volkskundemuseum Wien

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Terezin Memorial
Volkskundemuseum Wien - Kunst und Widerstand im Ghetto Theresienstadt