Gemälde von Hildegard Burjan, 1934 fertiggestellt

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Die Frauenrechtlerin Hildegard Burjan

Tosender Applaus brandete an diesem Novembertag 1918 auf, als die Vertreterin der christlichen Arbeiterinnen, Hildegard Burjan, bei einer Kundgebung der Wiener Frauenorganisationen festhielt, "dass sich nirgends die Verschiebung der Verhältnisse zwischen Mann und Frau so krass zeigt wie auf dem Gebiet der Arbeit", und die Forderung erhob: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!"

Wer war diese Frau, die sich als Gattin eines Industriellen für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen einsetzte? Die bei der Neuordnung des politischen und gesellschaftlichen Lebens nach dem Zusammenbruch der Monarchie einen wesentlichen Beitrag zur Anerkennung der Rechte der Frauen beitrug?

Hildegard Burjan mit Ehemann Alexander Burjan, 1907

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Hildegard Burjan mit Ehemann Alexander Burjan, 1907

Leitfigur der Christlichsozialen Partei

Sie wird am 30. Jänner 1883 als zweite Tochter der liberalen jüdischen Kaufmannsfamilie von Abraham Freund in Görlitz a. d. Neiße (damals Preußisch-Schlesien) geboren. Nach einem für ein Mädchen bereits ungewöhnlichen Bildungsweg inskribiert sie an der Universität Zürich Germanistik. Dort lernt sie den Technikstudenten Alexander Burjan kennen, ebenfalls jüdischer Herkunft. Das junge Paar übersiedelt nach der Hochzeit 1907 nach Berlin. Nach einer schweren Erkrankung tritt Hildegard Burjan zum katholischen Glauben über und will nun ihr Leben "ganz Gott und den Menschen" widmen.

Nach Wien gehen die Burjans infolge einer beruflichen Veränderung von Alexander. Hier kommt 1910 Tochter Lisa zur Welt. Mit der Rolle der Hausfrau und Mutter allein will sich Hildegard aber nicht begnügen. Sie sucht Anschluss an sozial engagierte katholische Kreise und beginnt, sich für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Heimarbeiterinnen einzusetzen.

Die Zeichen der Zeit erkennend, engagiert sie sich auch für das Frauenwahlrecht. Bei den ersten Wahlen nach dem Zusammenbruch der Monarchie wird Hildegard Burjan zur Leitfigur der Christlichsozialen Partei für die erstmals wählenden Frauen. Gemeinsam mit sieben Sozialdemokratinnen zieht sie im März 1919 in die neu gewählte Nationalversammlung ein. In ihrer politischen Arbeit konzentriert sie sich wieder auf die Situation der Frauen, für die sie mehr Bildungschancen und Rechtsschutz fordert. Ein Meilenstein ihrer politischen Tätigkeit ist ihre Mitwirkung über Parteigrenzen hinweg am ersten Hausgehilfinnengesetz.

Hildegard Burjan, Parlamentsaufnahme 1919

Hildegard Burjan, Parlamentsaufnahme 1919

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Gründung der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis

Ihr Verbleib im Parlament ist kurz. Für die vorgezogenen Neuwahlen steht sie nicht mehr zur Verfügung. Sie will sich voll und ganz für die Verwirklichung ihres Lebenszieles einsetzen, die Gründung einer religiösen Schwesterngemeinschaft. Sie hat erkannt, dass es zur Umsetzung von sozialpolitischen Ideen Menschen bedarf, die sich ganz in den Dienst der Sache stellen können.

Die Gründerin des Wiener Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" (CS) Hildegard Burjan in Mitten der Schwestern (undatiertes Archivbild).

Die Gründerin des Wiener Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" (CS) Hildegard Burjan in Mitten der Schwestern (undatiertes Archivbild).

APA/CS

Im Oktober 1919 kommt es bereits zur Gründung der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, deren Vorsteherin Hildegard Burjan als verheiratete Frau und Mutter wird. In kirchlichen Kreisen sorgt dies für höchste Aufregung. "Das Evangelium durch die soziale Tat verkünden" ist das Ziel von Hildegard Burjan, die am 11. Juni 1933 einer schweren Krankheit erliegt. Ihrer Vorgabe verpflichtet arbeitet die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis weiter, übersteht das Verbot während der NS-Zeit und ist nach 1945 unter den Ersten, die sich der notleidenden Bevölkerung annehmen.

Ganz im Geiste von Hildegard Burjan ist vor allem die Verwirklichung des Hospizgedankens in Österreich, wofür die Caritas Socialis Pionierarbeit leistet. Hildegard Burjan wurde am 29. Jänner 2012 im Wiener Stephansdom als bisher weltweit einzige Parlamentarierin seliggesprochen.

Gestaltung: Ingeborg Schödl

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".

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