Sebastian Kurz

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Mister "Message Control" spricht

Innenminister Herbert Kickl liefert gerne Zündstoff, zum Beispiel seinen jüngsten Sager, dass das Recht der Politik folgen müsse. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz kann zündeln. Kritik kontert er gekonnt. Diese Regierung beherrscht das Konzept der "Message Control" besonders gut, koordiniert wird das Ganze vom Psychotherapeuten und Kampfrhetorik-Trainer Ferdinand Stürgkh. #doublecheck hat Stürgkh getroffen und mit ihm die Regierungssprache unter die Lupe genommen.

"Das Recht muss der Politik folgen, nicht die Politik dem Recht." Ein Satz mit Folgen. Gefallen im ORF-Report vor einer Woche. "Die Formulierung ist aus dem Zusammenhang gerissen worden", sagt Ferdinand Stürgkh im #doublecheck-Interview. "Was man daraus gemacht hat, war der Versuch, die Überspitzung noch einmal zu überhöhen." Stürgkh hat sich vom Rhetorik-Berater Heinz-Christian Straches – den Job hat in Oppositionszeiten noch Herbert Kickl selber gemacht - zur zentralen Figur im Kommunikationsteam der Regierung entwickelt. Er ist Psychoanalytiker, Universitätslektor und spezialisiert auf konfliktorientierte Kampfrhetorik.

Die Bombe hat in Kickl schon getickt

"Das war eine Bombe, die er absichtlich platziert hat, ich glaube nicht, dass der Sager passiert ist", sagt dazu Rhetorik-Trainerin Tatjana Lackner. "Das ist ein Slogan, der fertig ist und irgendwann eingesetzt werden sollte." Slogans und sprachliche Bilder lägen parat "wie fertige Versatzstücke", die bei Bedarf eingesetzt werden, sagt Lackner.

Ferdinand Stürgkh, Kommunikationsberater der Regierung, im Interview mit Stefan Kappacher über "überhöhte Überspitzungen".

Die Kunst der Sprachbilder

Sprachbilder verwendet Kickl besonders gern. "Hier brennt das Haus, da liegt der Schlauch" etwa. Oder: "Wenn Sie in einem Schiff einen Wassereinbruch haben, werden sie das Problem nicht regeln, indem sie das Wasser in den Kabinen verteilen, sondern sie müssen das Loch zumachen." Damit argumentiert der Innenminister, warum Flüchtlinge nicht erst in Europa Asylanträge stellen und dann auf die einzelnen EU-Staaten verteilt werden sollen.

Bilder sind wichtiger als Zahlen

Eine Kunst, der Kickl seit Jahrzehnten nachgeht, war er doch das Mastermind hinter vielen FPÖ-Slogans und Wahlplakaten. Von "Daham statt Islam" bis "Pummerin statt Muezzin". Was Kickl im kleinen Finger hat, das beschreibt der Kenner der Psyche Stürgkh so: "Sprache lebt über Sprachbilder und über assoziative Verzweigungen. Nur das erzeugt im Hirn neuronale Netze, die aktiviert werden. Daher sind Daten, Fakten und Ziffern unplausibel und nicht merkfähig."

Nicht sauber, aber wirkungsvoll

Die FPÖ nimmt es gern auch einmal nicht so genau mit den Zahlen. Zum Beispiel wenn Norbert Hofer davon spricht, dass es in 30.000 Mindestsicherungsbezieher aus Tschetschenien, die meisten von Ihnen seien in Wien. Dabei gibt es in Wien gerade einmal 4500 Mindestsicherungsbezieher aus der russischen Förderation, der Tschetschenen-Anteil ist nicht dokumentiert. 30.000 Tschetschenen leben insgesamt in ganz Österreich. Dennoch sagt auch FPÖ-Chef Vizekanzler Heinz-Christian Strache, die Mindestsicherung in Wien sei "ein Förderprogramm für tschetschenische Großfamilien".
"Das ist ja nur eine Parabel. Man hat halt einfach versucht, eine Subgruppe herauszunehmen, die auch oft straffällig wird. Statistisch sauber ist es nicht, aber rhetorisch wirkungsvoll ist es mit Sicherheit", so der Kommentar von Regierungsberater Stürgkh.

Ferdinand Stürgkh kommentiert die Sprachbilder von Herbert Kickl.

"Wahrheit ist kein Mittel gegen Lüge"

Mit Fakten alleine könne man da nicht kontern, sagt Rhetorik-Expertin Tatjana Lackner. Es sei ein Irrglaube anzunehmen, dass die Wahrheit das Mittel gegen die Lüge sei:
"Die Wahrheit ist das Gegenteil der Lüge, aber nicht das Gegenmittel. Das Gegenmittel ist, Gegenbilder aufzubauen oder überhaupt gleich von der Geschichte abzulenken. Wenn ich sage: Aber das ist doch gelogen! – dann bin ich der Zweite und der andere ist mir immer einen Schritt voraus."

Der teflonbeschichtete Redekanzler

Bundeskanzler Sebastian Kurz schweigt ja gern, wenn heikle Vorgänge zu kommentieren wären. Auch eine Art der Rhetorik. Wenn Kurz spricht, dann wetzt aber auch er die verbalen Messer, nur feiner. Etwa mit dem Sager zur Mindestsicherung: "Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen." Auf die Vorwürfe von sozialer Kälte angesprochen, kontert der Kanzler in einer ORF-Pressestunde die Fragen der Journalisten so gekonnt, dass Stürgkh sich beim Zuschauen diebisch freut.
"Das war eine grenzgeniale Situation, und ich hab dann innerlich auch sehr gelacht, wie souverän das an ihm abgleitet. Das war etwas wo ich sage: teflonbeschichtet", so Stürgkh.

Der Algorithmus in den Köpfen

Versuchen mehrere Regierungsmitglieder, die selbe Botschaft zu vermitteln, dann kann man sehr gut das rhetorische Muster dahinter erkennen. Etwa als Bundeskanzler und Vizekanzler, Außenministerin und Staatssekretärin gemeinsam auftraten, um die Wurzel der jüngsten Serie an Gewaltverbrechen gegen Frauen im Jahr 2015 festzumachen. "Antisemitisches Gedankengut, mangelnder Respekt vor Frauen, Gewaltbereitschaft – hier ist vieles importiert worden, was in Europa und in Österreich keinen Platz hat", so Kanzler Kurz. Und auch Vizekanzler Strache: "2015 hat zu vermehrter Gewalt in unserer Gesellschaft geführt. Messerattacken haben dramatisch zugenommen, auch die Gewalt gegen Frauen ist dramatisch gestiegen und aktuell die Morde an Frauen. Das kann und darf man nicht verschweigen."

"Es fällt auf, wie genau und scharf sich immer wieder alles auf drei Positionen rückbezieht", sagt Regierungsberater Ferdinand Stürgkh. Er nennt das die rhetorische Trias, ein Stuhl stehe ja auch am besten auf drei Beinen. "Zwei sind zu wenig, vier sind zu viel – die wackeln dann wieder. Alle guten Dinge sind drei, und natürlich auch alle schlechten Phänomene sind dreifach belegt. Das haben sie natürlich als Algorithmus bereits im Denken integiert."

Kommunikationstrainer Stürgkh über die Kampfrhetorik der Regierung und warum das kein Widerspruch ist.

Schwarzer Bulle, blauer Bulle

Einprägsame Narrative entstehen auch durch Begriffe wie "Asylindustrie" - verwendet von FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker, der das "ganz bewusst" einsetzt, wie er im Ö1 Mittagsjournal gesagt hat. "Ich halte nichts von dieser aggressiven Wortwahl", reagierte Sebastian Kurz nach etwa zwei Wochen. FPÖ-Regierungskoordinator Norbert Hofer hat die Beschwichtigung dann wieder relativiert. Man teilt sich in der Regierung die Rollen auf. "Guter Bulle, böser Bulle", nennt Stürgkh das.
In jedem Fall bleiben die Begriffe hängen. "Wenn es dann auch in der bürgerlichen Mitte verwendet wird, dann hat es Einzug gefunden und dann senkt es auch das Sprachniveau eines Landes", sagt Lackner.

Weniger Pardon mit den Rechten

"Message Control" ist eine alte Wissenschaft, auch gepflegt von den Linken, betont Lackner. Zuletzt hat sich auch Ex-Bundeskanzler Christian Kern mit der SPÖ darin versucht. Dass die Methoden kritischer gesehen werden, wenn sie von den Rechten angewendet werden, das habe mit Geschichte zu tun, "weil man in der Nazizeit den mutmaßlichen guten Rednern auf den Leim gegangen ist".
Die Opposition müsse endlich verstehen, dass sie mit Inhalten allein gegen diese Regierung nicht ankomme, sagt die Rhetorik-Expertin Tatjana Lackner. "Es ist keine Tugend, sich täglich dafür zu entscheiden, nichts gegen die eigenen verbalen Schwächen zu tun."

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