Florjan Lipus

JUNG UND JUNG VERLAG

"Schotter" von Florjan Lipus

Eine bewegende und deprimierende Lebensbilanz von Florjan Lipus.

Er schreibe immer dasselbe Buch, behauptet der Erzähler von Florjan Lipus‘ letztem Roman "Seelenruhe". Doch "Schotter", das neue Werk, ist anders, obwohl auch in ihm das zentrale traumatische Erlebnis des 1937 in Kärnten geborenen Schriftstellers im Zentrum steht: wie die Mutter vor den Augen der hilflosen Kinder abgeführt wird, weil sie als Partisanen verkleidete Gestapo-Leute bewirtet hatte.

In "Schotter" ist es nicht die Mutter, sondern die Großmutter, die nicht aus dem Frauen-KZ Ravensbrück zurückkehrt. Peter Handke, der 1981 gemeinsam mit Helga Mracnikar den "Zögling Tjaz" übersetzte und den Kärntner-Slowenen Florjan Lipus so endlich bekannt machte, hat dessen Prosa "Epik" genannt. Die typischen kurzen Absätze in "Schotter" formen mit ihren poetisch-liturgischen Zügen eher ein Klagelied. Florjan Lipus, der vergangenes Jahr mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet worden ist, war nicht nur Schüler eines katholischen Internats, er begann auch ein Studium der Theologie, bevor er Volksschullehrer und -direktor wurde.

Wachgehaltene Erinnerung

Einen Gedächtnismarsch in ein deutsches Frauen-KZ treten nach dem Krieg jene Bewohner eines Dorfs an, deren Verwandte abgeholt und meist umgebracht wurden. Zwei Kinder sind unter ihnen, "vielleicht Bruder und Schwester", heißt es vage, "vielleicht nur ein Gleichaltriger und eine Gleichaltrige auf dem Spielplatz, in der Schule", die ihre Großmutter "treffen wollen", die sie nie gesehen, von der sie nur gehört haben. Im Steinbruch brechen sie den Stein, den die Großmutter brechen musste, sie stehen mit ihr vor der Genickschussmauer, und sie drücken auf dem Appellplatz, auf dem die Häftlinge stundenlang ausharren mussten, ihre Füße in den Schotter, so dass ihnen die Sohlen der unbekannten Großmutter entgegenkommen. Für wenige Minuten wird ihnen die Qual und die Todesangst der langen Stunden damals erfahrbar.

Der Gedächtnismarsch nimmt die erste Hälfte des Buches ein, dann kehren die Teilnehmer zurück ins Dorf und zeichnen "Kainsmale" in die Gesichter der anderen: Im Dorf bricht die Erinnerung um die Verantwortung für das Leiden der früheren Nachbarn auf. Doch die Rückkehrer werden nach und nach eingebunden in die gemeinsamen Arbeiten, sie stecken zurück, schlucken die stille Wut hinunter, verlieren ihre Sprache und die durch sie wachgehaltene Erinnerung an das Leiden im Lager.

Vergessen als Restauration

Die zweite Hälfte von "Schotter" erzählt, wie diese Erinnerung verloren geht im Bermudadreieck von Kirche, Friedhof und Gasthof, in der lustvollen Einkehr in den Moment und der Sehnsucht nach früher. Das Kainsmal wird undeutlich. Die Dörfler gehen wonnig auf in einem uniformen, gefügigen Volk der "glatten Köpfe". Florjan Lipus beklagt das Vergessen des Lagerleidens als Restauration. Irritierenderweise benutzt er dafür die Termini konservativer Kulturkritik an modernen Gesellschaften. Doch niemand lasse sich täuschen: Die "Ganzheit des Dorfes" ist kein romantischer Topos, sie verdankt sich dem gezielten Vergessen der trennenden Lagererinnerungen.

Buchcover

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Das Lager ist nicht nur ein "Aufenthalt an einer der unzähligen Haltestellen auf dem Weg zur Ganzheit des Dorfes", es ist sogar ein "wirksamer Faktor für seine Vereinheitlichung".

Andenken des Leidens

"Schotter" ist eine bewegende und deprimierende Lebensbilanz. Denn wenn der 82-jährige Lipus klagt, es sei nicht gelungen, das Andenken des Leidens zu bewahren, dann fällt er ein vernichtendes Urteil über sein Lebenswerk: In den 1960er Jahren kämpfte er für die Erneuerung der slowenischen Kultur in Österreich jenseits der akzeptierten Folklore und setzte auf die Sprache. Der politische Kampf mag verloren sein, ästhetisch jedoch hat Lipus gewonnen: Seine literarischen Werke, seit Jahren von Johann Strutz knorrig eigenwillig übersetzt, bewahren auf eindrucksvolle Weise die abweichende partikulare Erinnerung.

Florjan Lipus' Klage in "Schotter" über das eilige Vergessen der Dörfler klingt allerdings zuweilen zu bekannt – Städter verhielten sich genauso. Bestürzend ist das Buch immer, wenn es nicht verallgemeinert, wenn es die Welt des Lagers im Schotter und die des Dorfes im Glockenläuten erfasst.

Service

Florjan Lipus, "Schotter", Verlag Jung und Jung

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