Bub in einer gelben Kanone

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Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Wer André Hellers fantastischen und magischen Welten auf die Spur kommen möchte, ist mit der Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" (2008) rund um einen zwölfjährigen Buben bestens bedient. Rupert Henning hat sie nun nicht minder magisch auf die Kinoleinwand befördert.

Mittagsjournal | 28 02 2019

Mitten in die Brutalität und das Unbehagen der Nachkriegsjahre hineingeboren, lernt der zwölfjährige Paul Silberstein Ende der 1950er Jahre, seine Fantasie und Kreativität zum Zufluchtsort vor der Wirklichkeit zu machen, und schafft es so, die Demütigungen des Vaters ebenso wie die Züchtigungen im Jesuitenkolleg möglichst unbeschadet zu überstehen.

Auch die übrigen Familienmitglieder sind offenbar auf der Flucht vor der Welt: Der große Bruder flüchtet in seine Briefmarkensammlung, die unnahbare Mutter regelmäßig in die Badewanne und der kriegsgebeutelte Vater, einst einflussreicher jüdischer Süßwarenfabrikant, der zum Katholizismus konvertierte, in Opium, laute Schlager und Sadomasochismus.

Valentin Hagg, Karl Markovics

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Unerträgliche Nachkriegsbrutalität

"Der ganze Hass, die Erniedrigungen, die der Vater Zeit seines Lebens einstecken musste, entlädt er nun, da er es kann, auf seiner Umgebung: auf den Angestellten, der Frau und den Söhnen", sagt Regisseur Rupert Henning, und er ist überzeugt: "Roman Silberstein ist kein schlechter Mensch, nur wie so viele ein schlecht behandelter Mensch."

Gleich nach ihrem Erscheinen habe ihn André Hellers Erzählung in den Bann gezogen, erzählt der Regisseur, der viel Sorgfalt in die Wahl der Schauplätze und die Entwicklung einer eigenen Erzählsprache auf der Bild- und Tonebene legt, um für Hellers fantastischer Erzählwelt eine vielschichtige Entsprechung zu finden

Schrill, bunt, skurril und klug

Magische Orte, schrille Kostüme, ein Geheimversteck im Glockenturm des Internats oder ein faszinierendes Mädchen auf seinem Schimmel, das mit Liebesbriefen in Form von Papierfliegern kontaktiert wird - daraus besteht die schräge Welt des Paul Silberstein (eindrucksvoll: Valentin Hagg), die er wortreich kommentiert.

Und diese Welt wird noch ein wenig bunter mit dem plötzlichen Tod des Vaters. Der bringt für Paul nämlich nicht nur den erhofften Ausbruch aus der Unterdrückung, sondern auch die Bekanntschaft mit Vaters Brüdern, drei skurrile und denkwürdige Gestalten, die der Holocaust in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat, und die dem Buben nun neben allerlei Blödeleien auch ungeahnten Aufschluss über seine Familiengeschichte und Identität bringen.

Valentin Hagg

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"Ein Film übers Hinschauen"

Mit diesen drei Figuren verbindet sich für Regisseur Rupert Henning auch die Kernaussage der Erzählung: "Es geht um einen Menschen, der es dem schweren Familienerbe zum Trotz geschafft hat, ein unbeschwertes Leben zu führen, und zwar, indem er nicht weg-, sondern hinschaut und darauf reagiert. Es ist also auch ein Film übers Hinschauen."

Dieses Hinschauen macht "Wie ich lernte bei mir selbst Kind zu sein" ebenso außerordentlich wie unerträglich, und ebenso witzig wie beklemmend. Ein kurioser Film in bester österreichischer Kino-Tradition mit einem starken Ensemble und einem großartigen jungen Protagonisten.

Service

André Hellers, "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein", S. Fischer (2008)

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