Das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ des Bildhauers Alfred Hrdlicka

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Buch

"Faschist werden" von Michela Murgia

Die sardische Schriftstellerin Michela Murgia gilt als eine der unerschrockensten Kritikerinnen der italienischen Politik, der sie fortgeschrittene faschistische Tendenzen attestiert. Diese will sie mit ihrem satirischen Buch "Faschist werden - Eine Anleitung" aufdecken. In Italien sorgte das Buch für Kontroversen, jetzt ist es auch auf Deutsch erschienen.

Mittagsjournal | 15 04 2019

Katharina Wagner

Nein, Winston Churchill hatte nicht recht, mit seiner Aussage: die Demokratie sei vielleicht die schlechteste aller Regierungsformen, doch eine besser gäbe es einfach nicht.

"Billiger, schneller und effizienter"

Die Demokratie sei schlicht die schlechteste Art zu regieren. Sie sei mühsam, schwerfällig und instabil. Ganz anders aber der Faschismus: Er sei billiger, schneller und viel effizienter. Mit dieser provokanten These leitet die sardische Schriftstellerin Michela Murgia ihr aktuelles Buch "Faschist werden - Eine Anleitung" ein.

Und laut der Autorin würde so mancher italienischer Politiker dieser Anleitung bereits folgen: "Anstelle eines Stellvertreters gibt es im Faschismus einen sehr dominanten Chef. Matteo Salvini lässt sich von seinen Anhängern Kapitän nennen.

Das Volk wird bedroht

Und dieses Bild des starken Mannes erzeugt gleichzeitig jenes eines schwachen Volkes, das bedroht ist, von Feinden, die im Faschismus vage definiert werden, weil sie dazu dienen sollen eine Atmosphäre der Bedrohung aufrecht zu erhalten. Für Salvini sind das: 'die Märkte, Europa, die Bürokraten, die Migranten'."

Politische Zusammenhänge würden banalisiert, Gewalt in der Sprache freigesetzt, Standpunkte der neofaschistischen Parteien CasaPound und Forza Nuova würden auch vom italienischen Innenminister Matteo Salvini übernommen, der öffentliche Auftritte gern in Polizeijacke absolviert, sagt Michela Murgia.

Gegen Minderheiten

"Ich wollte diese Tendenzen in einem sarkastischen Ton erzählen, der jedoch nicht der Unterhaltung dient. Sarkasmus drückt Wut aus und nicht Spaß. In Italien hat es immer eine gewisse feindliche Haltung gegen Minderheiten gegeben, aber jetzt werden sie zum ersten Mal von politischen Institutionen legitimiert. Laut dem italienischen Statistikamt haben acht Prozent der in Italien lebenden Menschen eine andere Staatsbürgerschaft. Doch laut Umfragen schätzen die Italiener den Ausländeranteil viel höher ein, auf 20 bis 25 Prozent."

"Die aktuelle Rhetorik, Methode, der symbolische Rahmen ist frühfaschistisch."

Als Michela Murgias Anleitung zum Faschismus in Italien erscheint, verspottet Innenminister Salvini sie auf Social Media. Was folgt sind zahlreiche Hassbotschaften bis hin zu Morddrohungen: "Viele Italiener sind nicht meiner Meinung und sagen: Du kannst nicht die aktuelle demokratische Situation mit dem Faschismus und der Verfolgung der Juden vergleichen. Aber zu Beginn hat sich auch der Faschismus als die Politik der Vernunft präsentiert. Die aktuelle Rhetorik, Methode, der symbolische Rahmen ist frühfaschistisch."

Seenotrettungsaktion Mediterranea

Michela Murgias Kritik an der Politik der italienischen Regierung beschränkt sich nicht auf Worte. Im Oktober hat sie mit Menschrechtsaktivisten und Kulturschaffenden über Spendengelder die Seenotrettungsaktion Mediterranea ins Leben gerufen und damit das erste NGO-Schiff das unter italienischer Fahne Seenotrettungsaktionen im Mittelmeer durchführt. Gestern früh ist das Schiff zur zweiten Mission dieses Jahres in die Gewässer vor der libyschen Küste aufgebrochen.

Service

Michela Murgia, "Faschist werden - Eine Anleitung", aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Wagenbach
Originaltitel: "Istruzioni per diventare fascisti", Einaudi, 2018

Gestaltung

  • Katharina Wagner

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