Der Sonnenstein der Azteken

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Eine Kulturgeschichte unseres Zentralgestirn

Als Licht- und Lebensspenderin, Herrscherin über Tag und Nacht und die Jahreszeiten, spielt die Sonne in allen Religionen eine bedeutende Rolle. Meist männlich gedacht, nach dem Sonnengott: helios, sol. "Sunna" heißt es dagegen im Althochdeutschen, die Sonne. Der "Tag des Herrn" hat mit ihr zu tun; wer an einem solchen Tag geboren ist, gilt als ein "Sonntagskind", womöglich ein "Sonnenschein".

Am Anfang war das Wort, der Große Sonnengesang des ägyptischen Pharaos Echnathon:

"Schön erscheinst du / im Lichtland des Himmels, / du lebende Sonne, die das Leben bestimmt!"

Es war eine Revolution, die 1300 vor Christus in Gang gesetzt wurde. Echnaton - der Pharao, der dem Gott Aton gefällig war - wollte selbst nicht nur als Gott, sondern als einziger Gott verehrt werden. Das übliche Gerangel, das in allen Mythen über Götter und Heroen herrscht; bis ein einziger übrigbleibt. Nachts verschwindet besagter Echnaton und lässt sein Licht in der Finsternis in der Unterwelt über den Seelen der Toten leuchten. Egon Friedell bezeichnete das Verfahren als "Solartheologie". Kurz gesagt: Sonnenenergie wird für das politische Leben zunutze gemacht. Das war bei den Ägyptern so, bei den Griechen, und bei den alten Indern nicht anders.

Mythen, Metaphern, Morgenröten und Fadensonnen

Sonnenenergie in besonderem Maße findet sich im monumentalen altindischen Epos Mahabharata. In dessen drittem Teil – dem Buch des Waldes - werden die unterschiedlichsten Funktionen der Sonne aufgezählt: Der Sonnengott ist Vater aller Kreaturen, die Sonne nimmt Einfluss auf den keimenden Samen und entscheidet über die diversen Geschmacksrichtungen. Last but not least: die Sonne hat einhundert und acht Namen. Bhaskara, den Sonnengott, "der hell wie Feuer oder Gold lodert", gilt es zu besingen.

Eion Gläubiger betet zu seinem Sonnengott

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"Wer diese Hymne singt, bekommt Geduld und ein gutes Gedächtnis. Ein Mensch sollte mit konzentriertem Geist diese Hymne aufsagen. Tut er dies, ist er vor Kummer, Waldbränden und dem Ozean sicher und erhält alles Gewünschte."

Die phantastische Personifizierung von Göttern ist der menschlichen Lebenswelt näher und verständlicher als es bloße Himmelkörper wie Sonne, Mond oder Sterne je sein könnten. Ein Sonnengott wie der griechische Helios (wörtlich übersetzt "Sonne") - der den Sonnenwagen über den Himmel lenkt, war aufgrund dieser Tätigkeit mit dem Leben der Menschen verwoben. Seine Begleitung: Eos – die Göttin der Morgenröte, die bei den Römern Aurora hieß; und Selene, die am Abend folgte; die Mondgöttin

Noch war dieser Sonnengott eine personifizierte Macht. Auf ganz andere Weise begannen zur selben Zeit die so genannten Vorsokratiker von der Sonne zu sprechen. Für den Naturforscher und Philosophen Empedokles war die Sonne:

"Jenes Feuer, das ein wenig unterhalb des Himmels geblieben ist".

Bei einem Meisterdenker seiner Zeit, bei Platon, findet die Phantastik solcher Rede von der Sonne ein Ende: In seiner großen Schrift „Der Staat“ demonstriert Platon mittels diverser Gleichnisse das Verfahren, wie die Erkenntnis des Guten, das unsere Handlungen leiten soll, möglich ist.

Platons Botschaft an seine Schüler lautet: so, wie die Sonne im Bereich des Sichtbaren die alles beherrschende Macht ist, so herrsche in der geistigen Welt das Gute als Quelle von Wahrheit und Wissen.

Ein Statue eines berittenen Römers im Sonnenuntergang

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Die Römer machen die Sonne zum politischen Emblem. Doch sie belassen es nicht allein dabei. "Sol invictus", dem unbesiegten, unbesiegbaren Gott des römischen Reiches, Objekt kultischer Verehrung seit der Gründung Roms, bleibt nichts verborgen. Er sieht alles, schützt vor Freveltaten, den Kaiser und dessen Soldaten, wenn sie fremde Völker unterwerfen. Seinen Geburtstag feiert er am 25. Dezember.

Es ist kein Zufall – dass auf diesen Tag auch die Geburt Christi fällt – der die Fackel des römischen Sonnengottes übernimmt. Christus –wird für längere Zeit in Europa zum Herren der Welt und der Menschen. Die amtliche Formel dafür stammt vom Heiligen Augustinus. Denn Christus – das ist:

"Die Sonne der Gerechtigkeit".

In der Welt der Fakten und der aufklärenden Wissenschaften verhielt es sich indessen schon längst ganz anders: Das Zentrum des Kosmos war verlegt worden: Von der geschlossenen Welt zum offenen Universum. Nikolaus Kopernikus:

"Alle Bahnkreise umgeben die Sonne, als stünde sie in aller Mitte, und daher liegt der Mittelpunkt der Welt in Sonnennähe."

Die Entdeckung - eine Welt ohne hierarchische Struktur und ohne "Heilsplan" bewirkte neues Selbstbewusstsein, stellte aber auch eine Kränkung dar. Der Mensch war aus dem Mittelpunkt gerutscht.

Kein Dichter des 19 und beginnenden 20. Jahrhunderts, der die Sonne nicht bedichtet hätte – von Walt Whitman über Baudelaire bis zu Nietzsche und Rilke: Die Dichter fanden in ihr noch immer metaphysische Restbestände: Dem sollte im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter neuer politischer Extreme und hysterischer Ideologien der Garaus bereitet werden. In Sachen Sonne machte die russische Avantgarde am Vorabend des Ersten Weltkriegs den Anfang.

So anarchistisch die russischen Avantgardisten den Sieg über die Sonne verkündet hatte – so obskurantistisch tauchten die schwarzen Götter im Lager der deutschen und österreichischen Nazis wieder auf. Heinrich Himmlers "Ahnenerbe" erforscht "wissenschaftlich" die Ursprünge der Menschheit. Und die Ursprünge fanden sich beim so genannten "Nordischen Menschen", von dessen Jul-Festen noch heute so manches Liederbuch zu berichten weiß.

Die Atombombenexplosion von Nagasaki

Die Atombombenexplosion von Nagasaki.

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"Heller als tausend Sonnen!"

Am 16. Juli 1945 zeigt es sich, daß der Mensch das Licht der Sterne erschaffen kann. "Heller als tausend Sonnen!" leuchtet die erste Atombombe über der Wüste von Alamagordo. Die Reportage des Zukunftsforscher Robert Jungk beschrieb den Bau der Atombombe gegen Hitler, an dem 150.000 Menschen beteiligt waren, aus der Sicht der verantwortlichen Wissenschaftler. Bei deren erstem Einsatz hatten die Militärs das Sagen.

Mit Metaphern, Gedichten und Beschreibung der Sonne tut man sich seither schwer: Ingeborg Bachmann sprach in ihrem Hymnus an die Sonne vom "unabwendbaren Verlust meiner Augen“. Und bei Paul Celan, dem Überlebenden des Holocaust und ewigen Exilanten der Dichtung, verwandelte sich das Zentralgestirn 1968 in "Fadensonnen“.

Die russische Schriftstellerin und Journalistin Ljudmila Petruschewskaja wurde in den 1950er Jahren in die Steppe Kasachstans abkommandiert, um über die Neulandgewinnung zu berichten. In ihren Erinnerungen hielt sie einen Morgen in der Steppe Kasachstans fest. Vielleicht war es der letzte plausible Hymnus an die Sonne, zum letzten Mal "ex oriente lux".

"Fürs ganze Leben habe ich mir den Sonnenaufgang über dem dunklen Nebel eingeprägt – die lilafarbene, dunkelviolette gepflügte Erde und die große orange Sonne, die sich befreit, die flüssig zittert wie Eigelb, die hinter dem Horizont hervorspringt, ohne etwas zu erhellen, sondern im wahrsten Sinn des Wortes von innen leuchtet.“