Brennendes Fahrzeug

AP/MAJDI MOHAMMED

Roman zum Nahost-Konflikt

Mit seinem Erzählband "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden", ist der US-Amerikaner Nathan Englander auf der Shortlist für den Pulitzer-Preis gestanden. Sein jetzt auf Deutsch erscheinender Roman "Dinner am Mittelpunkt der Erde" beschäftigt sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, und das in einem gewagten Stilmix.

Morgenjournal | 02 05 2019
Wolfgang Popp

Ein ehemaliger Spion des israelischen Geheimdienstes Mossad, der im Gefängnis sitzt, und ein General der israelischen Streitkräfte, der im Koma liegt, das sind die beiden Protagonisten in Nathan Englanders Roman.

Politik zwischen Action und Magie

Sie sorgen für die beiden völlig gegensätzlichen Genres, in denen sich das Buch bewegt, denn da trifft ein spannungsgeladener Agententhriller auf die magisch-realistischen Erinnerungslandschaften des komatösen Militärs. Nathan Englander: "Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein Thema, zu dem es nur leidenschaftliche Meinungen gibt und deshalb wollte ich in dem Roman zwischen verschiedenen Genres hin- und herwechseln. Der Plot und die Figuren sollten den Leser mitreißen, so dass die Politik zwar mitschwang, aber nicht über allem stand."

Der geheimnisvolle Gefangene

Häftling Z, der ehemalige Mossad-Agent, sitzt in einem Gefängnis in der Negev-Wüste ein. Seit Jahren schon und ohne dass die Außenwelt von ihm weiß. Nathan Englander: "Auf einer Lesereise in Israel fiel mir eine Zeitung mit der Geschichte von Häftling X in die Hände fiel. Das war ein Australier, der nach Israel gegangen war, um für den israelischen Geheimdienst Mossad zu arbeiten, schließlich aber die Seiten gewechselt hat. So etwas kann aus charakterlicher Schwäche passieren oder weil er erpresst wurde. Ich fragte mich aber, was geschehen müsste, dass so ein Mensch aus Mitgefühl zum Gegner überläuft."

Agent spielen

In Rückblenden wird die Geschichte von Z erzählt, der als kanadischer Geschäftsmann mit dem Decknamen Joshua auftritt. Nach dem gewaltsamen Tod einer palästinensischen Familie plagen den Mossad-Agenten aber Gewissensbisse und er übermittelt Informationen an die Gegenseite. Nathan Englander schwelgt bei seinem Ausflug ins Thrillerfach, hetzt seinen Agenten durch dunkle Verstecke und baut in die rasante Flucht noch eine leidenschaftliche Liebesgeschichte ein.

Nathan Englander: "Der Großteil des Buches spielt in Paris, Berlin oder Italien, an Orten und Städten, die ich gut kenne und sehr gerne habe. Und auch der Agent hat viel von mir. Ich habe mich ins Agentenwesen eingelesen und mir vorgestellt, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten hätte. Und dann habe ich der Figur noch einen ganzen Haufen Neurosen verpasst."

Der General im Koma

Auch die zweite Hauptfigur, im Roman immer nur der General genannt, ist an einen realen Menschen angelehnt und zwar an den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon. Aus dessen Biografie hat Englander den frühen tragischen Tod dessen Sohnes und Scharons langjähriges Koma übernommen. Als Figur war er aber auch noch aus einem anderen Punkt interessant.

Nathan Englander: "Sharon glaubte an ein Großisrael, er war der Initiator der Siedlungspolitik, doch obwohl er ein so entschlossener Militär war, war er doch auch derjenige, der den Rückzug aus Gaza anordnete. Das hat mich immer beschäftigt: Dass er hier - und das sicherlich nicht aus Mitgefühl oder Güte - Frieden als Strategie gewählt hat."

Surreales Finale

Nathan Englander hat einen Thriller mit Schubumkehr geschrieben. Denn während die Spannung, wie es sich für das Genre gehört, immer mehr zunimmt, gibt es am Ende nicht den siegreichen Helden, sondern ein wunderbar-surreales Abendessen, ein rundum gelungenes "Dinner am Mittelpunkt der Erde" eben.

Service

Nathan Englander, "Dinner am Mittelpunkt der Erde", Roman, Luchterhand

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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