Zadie Smith

AFP/TOBIAS SCHWARZ

"Freiheiten" - Essays von Zadie Smith

Mit Romanen wie "Zähne zeigen" oder "Swing Time" gehört Zadie Smith zu den erfolgreichsten britischen Gegenwartsautoren. Letztes Jahr wurde Smith der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen, nun bringt die 43-jährige Britin einen Essayband heraus, der sich thematisch alle Freiheiten nimmt und der auch "Freiheiten" heißt.

Morgenjournal | 15 05 2019
Wolfgang Popp

Definitionen für den Essay gibt es viele, eine davon - und nicht die schlechteste - ist: "Die Kunst des Gedankensprungs". Die Kunst des überraschenden Gedankensprungs, um genau zu sein, der Dinge zusammenbringt, die auf den ersten Blick so gar nicht zueinander zu passen scheinen.

Bieber und Buber

Bei Zadie Smith heißt das konkret, dass sie dem Animationsfilm "Anomalisa" mit Arthur Schopenhauer zu Leibe rückt oder einem Mega-Pop-Star mit einem Religionsphilosophen.

Zadie Smith: "In einer idealen Zeit hat man einfach die Muse auch über die Frage nachzudenken, was Justin Bieber und Martin Buber gemeinsam haben könnten. Platz für solche Gedanken sollte ein Leben in meiner Vorstellung einfach lassen. Ich war mir bei der Zusammenstellung des Buches aber sehr wohl bewusst, dass sich die Zeiten geändert hatten und dass mittlerweile die Alarmglocken schrillten."

Politisch, wild und witzig

Zadie Smith spricht hier die Entstehungszeit ihrer Essays an, die allesamt aus der Obama-Ära stammen. Was aber nicht heißt, dass sie sich in "Freiheiten" nicht auch drängenden gesellschaftspolitischen Themen widmet.

So finden sich in dem bunten Band ein Brexit-Tagebuch und in "Nordwestlondon-Blues" denkt sie über städtebauliche Veränderungen in der britischen Hauptstadt nach. Zadie Smith: "Mich interessierte, politisch zu schreiben, aber ohne diese falsche Ernsthaftigkeit, sondern mir, umgekehrt einen freien, wilden und witzigen Tonfall zu bewahren."

Buchcover

KIEPENHEUER & WITSCH

"Ich" sagen

Smith holt abstrakte Begriffe wie den Bruch zwischen den gesellschaftlichen Klassen in den Alltag und auf Augenhöhe herunter und erzählt lieber - unmittelbar und ehrlich - von den konkreten Berührungsängsten, die zwischen ihr und der Mutter eines Mitschülers ihrer Tochter bestehen. Ihr Blick auf die Welt ist dabei genauso scharf wie ihr Blick auf sich selbst, auf ihre Zweifel und ihre Ratlosigkeit.

Zadie Smith: "Meine Essays auf der Uni musste ich aus einer hehren Beobachterposition heraus schreiben, die Ich-Perspektive war verboten. Als ich dann in die Staaten kam, fiel mir umso mehr auf, wie hier ständig jeder ‚Ich‘ sagte. Für mich war das deshalb interessant, weil ich dadurch über Dinge nachdenken konnte, über die ich noch unschlüssig war."

Die Hausaufgaben der Zadie Smith

Die Ich-Perspektive hat Zadie Smith auch bei ihrem jüngsten Roman "Swing Time" erstmals angewendet. Was ihr das für neue Möglichkeiten bot, beschreibt sie in dem Essay "Das Ich, das ich nicht bin". Dieses Nachdenken über das Romanschreiben, so Smith, kann da vergleichsweise richtig entspannend sein: "Wenn ich den Auftrag für einen Essay bekomme, setze mich hin und mache meine Hausaufgaben. Es ist angenehm, weil es überschaubar ist, weil etwas weitergeht und man die Sache in absehbarer Zeit zu Ende bringt. Alles Dinge, die sich übers Romanschreiben nicht sagen lassen, denn da sitzt man meist über einem chaotischen Durcheinander."

"Tanzstunden für Schreibende" heißt einer der Texte im Band "Freiheiten" und die hat Zadie Smith wohl genommen, denn so leichtfüßig wie sie tänzeln nur wenige Gegenwartsessayisten durch Zeit und Raum.

Service

Zadie Smith, "Freiheiten", Essays, aus dem Englischen von Tanja Handels, Kiepenheuer&Witsch

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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