Cancan-Tänzerinnen

AFP/MARTIN BUREAU

Jaques Offenbach und sein Einfluss auf die Wiener Operette

Jacques Offenbach wird gemeinhin mit frivolen, Beine schwingenden und Unterwäsche zeigenden Damen assoziiert. Doch Offenbach ist mehr als nur Cancan.

Das Leben und Werk des vor 200 Jahren in Köln geborenen Komponisten wird stark von der Politik beeinflusst. Das Zweite Kaiserreich in Frankreich bietet dem Komponisten reichlich Stoff für Satire, gleichzeitig wird er von Napoleon III. hofiert. Mit seinen Werken setzt er Impulse für das gesamte europäische Theaterleben.

Wegbereiter der Wiener Operette

Immer wieder kommt Offenbach gerne nach Wien: Hier tritt er als Cellist und als Dirigent seiner Werke auf, an der Wiener Hofoper findet am 4. Februar 1864 die Uraufführung seiner einzigen durchkomponierten grand opéra "Die Rheinnixen" statt, die eine Melodie enthält, die Offenbach später in Hoffmanns Erzählung noch einmal verwendet und die heute jeder kennt: die Barcarole.

In Wien löst der Satiriker Offenbach mit seinen grotesken Stücken einen wahren Hype aus -zu verdanken hat er das auch dem Volksschauspieler und Dramatiker Johann Nepomuk Nestroy, der als "Orpheus" in der Mythenparodie "Orpheus in der Unterwelt" Triumphe feiert. Ganz Wien ist im Offenbach-Taumel, die Wiener Komponisten schauen sich das Erfolgsrezept des Wahl-Parisers ab und erschaffen so eine neue Gattung, die um die Welt gehen wird: Die Wiener Operette.

Neue Sicht auf den Sittenverderber und Satiriker Offenbach

Das Offenbach-Jahr bietet die Gelegenheit, ganz neu auf Offenbach zuzugehen. Im 19. Jahrhundert galt Offenbachs als "Sittenverderber". Er stand für ruchlosen Treiben auf (und auch hinter) der Bühne, von der die Jugend ferngehalten werden musste. Das immer schwächer werdende Interesse an der Gattung Operette in den letzten hundert Jahren hat darüber hinaus dazu beigetragen, dass nur noch einige wenige der über 100 Bühnenwerke Jaques Offenbachs aufgeführt werden.

Dies liegt laut Theaterdramaturgen unter anderem an der Einakter-Struktur der Stücke, die nicht mehr zeitgemäß ist. Das Publikum bevorzugt heutzutage abendfüllende Werke.

Buchneuerscheinungen machen Lust auf Theaterbesuche

Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit dem "Mozart der Champ-Elysées", wie er auch genannt wird. Heiko Schon, ein Offenbach-Fan seit frühester Jugend, stellt in seinem Werk "Jacques Offenbach - Meister des Vergnügens" 101 von - in etwa 120 Werken vor. Es ist ein wirkliches Verdienst des Autors, dass er einen guten Überblick auch über die unbekannten Opéra-bouffes, Bouffonerie musicales und Opérettes des Komponisten zusammengetragen hat. Zum Teil sind die Werke ja nur in Partiturform erhalten, die Heiko Schon übersetzt und dann in Inhaltsangaben gegossen hat.

Die klare Struktur des Buches hilft bei der Orientierung in Offenbachs Oevre: In kurzen Kapiteln mit den Überschriften "Worum geht es", "Was steckt dahinter" wird Basiswissen vermittelt. Darüber hinaus sind thematisch gegliederte Kapitel eingefügt, in denen es etwa um die "Frauen", den "Wahnsinn der Beine" oder die "Travestie" geht. Persönliche CD-Empfehlungen bieten ein gutes Service, um sich das eine oder andere Werk auch anzuhören.

Wer mehr über das Leben und Werk des genialen Satirikers und Meister der zündenden Melodien wissen will, wird bei Ralf-Olivier Schwarzs Biographie "Jacques Offenbach. Ein europäisches Porträt" fündig. Der Musikwissenschafter Ralf Olivier Schwarz ist als Experte beratend beteiligt an den Feierlichkeiten zum 200.Geburtstag in Köln. Er bietet in seinem Buch eine chronologische Erzählung der Lebens- und Karrierestationen Offenbachs, aber auch kurze Werkeinführungen der wichtigsten Stücke.

Ein interessanter Aspekt ist etwa, wie prägend die Kindheit in Köln und der Kölner Karneval auch für Offenbachs Musiktheaterstücke waren. Zudem wird deutlich, welche Impulse der "Erfinder der Operette" für das gesamte europäische Musik- und Theaterleben gesetzt hat. Detailreich und profund recherchiert entwirft Schwarz die Erfolgsgeschichte eines genialen Komponisten vor den komplexen politischen Umbrüchen in der europäischen Geschichte im 19.Jahrhundert.

Eine Karotte stürzt den König und putscht sich an die Macht

Das Jubiläumsjahr bietet nicht nur die Gelegenheit, sich dem Werk Offenbachs belletristisch zu nähern, das eine oder andere Theater im deutschsprachigen Raum wagt sich auch an die Aufführung bekannter und unbekannter Stücke. In Köln wird etwa "La Grande-Duchesse de Gérolstein" und "Barkouf" zu sehen sein, und am 23. November hat in Wien "König Karotte" an der Wiener Volksoper Premiere.

Auf das Werk, das bei seiner Uraufführung fast sechs Stunden gedauert hat, darf man gespannt sein, denn es repräsentiert die Schaffensperiode des späten Offenbach, in der nicht mehr die Satire im Vordergrund stand. Worum geht es in dem Werk?

Prinz Fridolin ist vergnügungssüchtig und verschwenderisch; Mitglieder des königlichen Gemüsebeetes lehnen sich auf. Bei der Revolte im Gemüsebeet wachsen Lauch, Radieschen und Rote Rübe plötzlich zu beängstigender Größe heran und steigen aus dem Beet heraus. Die Karotte wird neuer Regent, der Prinz geht in die Emigration wie einst Louis Napoléon. Der gute Geist Robin setzt alles daran, den missratenen Prinzen auf den Pfad der Tugend zurück zu bringen und ihn zu einem aufgeklärten Herrscher zu formen.

"König Karotte" ist eine Mischung aus Opéra-bouffe (Operette) und Grand Opéra, aus Zauber- und Revolutionsoper. Und: Es ist ein Ausstattungsspektakel, das zudem -wie könnte es bei Offenbach anders sein - durch zündende Melodien besticht. Eine gute Gelegenheit also, Jaques Offenbach einmal abseits von "Hoffmanns Erzählungen" kennenzulernen.

Gestaltung: Alexandra Faber