Franz Doms

JÜRGEN PETTINGER

Mit einem Warmen kein Pardon - preisgekröntes Feature von Jürgen Pettinger

Um 18 Uhr 41 Minuten wird Franz Doms vorgeführt. Um 18 Uhr 41 Minuten 8 Sekunden wird er dem Scharfrichter übergeben. Um 18 Uhr 41 Minuten 18 Sekunden meldet dieser den Vollzug des Todesurteils.

In den Augen des Staates und der Justiz war der 21-Jährige "ein völlig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher, bei dem von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder abschreckender Erfolg zu erwarten ist".

In seinem Feature zitiert Jürgen Pettinger aus originalen Ermittlungs- und Gerichtsakten zu diesem unfassbaren Mord am 7. Februar 1944 im Landgericht Wien.

"Der Angeklagte wird als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher wegen widernatürlicher Unzucht mit 18 Männern, meistens gegen Entgelt, wegen Diebstahls und Erpressung z u m T o d e verurteilt. Die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten zur Last."

"In der Strafsache gegen den zum Tode verurteilten Franz Doms habe ich mit Ermächtigung des Führers beschlossen, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen. Berlin, den 14. Januar 1944. Der Reichsminister der Justiz."

"I Fell in Love with a Dead Boy"

Heute, 75 Jahre danach, steht auf einer Gedenktafel auf der Fassade des Landesgerichts Wien: "Ehre allen Opfern!". Es wird hier aller religiös, rassisch, politisch Verfolgten gedacht, aber derer die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und hingerichtet wurden, bis heute nicht. Im ehemaligen Hinrichtungsraum werden die "Namen derer, die wir niemals vergessen dürfen" aufgelistet, hunderte Opfer der NS-Justiz. Ein Name jedoch fehlt: Franz Doms.

Pettinger zeichnet in seiner Radiodokumentation nicht nur die Geschichte Franz Doms nach, der 1944 im Alter von 21 Jahren für seine Homosexualität hingerichtet wurde, sondern erforscht auch seine eigene Position als schwuler Mann in der heutigen Gesellschaft und geht der Frage nach, in welcher Beziehung er und der tote Junge stehen. "I Fell in Love with a Dead Boy" heißt der Titel-Song.

Jürgen Pettinger

Beim Anfang Juni zum sechsten Mal veranstalteten dokKa-Festival in Karlsruhe wurde der "dokKa-Preis für ausgezeichnete Hördokumentation" an den ZIB-Moderator und -Redakteur Jürgen Pettinger verliehen - für sein Radiofeature "Mit einem Warmen kein Pardon! Der Fall Franz Doms".

DOKKA/KAROLINA SOBEL

Der Verein dokKa wurde im März 2013 in Karlsruhe gegründet mit dem Ziel, Filmemacher, Künstler und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Verbindung zu bringen, sich mit Fragen des Dokumentarischen auseinanderzusetzen und verschiedene Disziplinen wie Film, Ton, Kunst oder auch Theater miteinander ins Gespräch zu bringen. Beim jährlichen dokKa-Festival werden Preise in den Kategorien Dokumentarfilme, Hördokumentationen/Radiofeature und dokumentarische Installationen vergeben.

In der dokKa-Jury-Begründung heißt es: "Jürgen Pettinger rekonstruiert das kurze Leben des Franz Doms aus Akten-Zitaten und lässt uns spüren 'I Fell in Love with a Dead Boy!' In einem imaginären, therapeutischen Dialog mit dem 'dead boy' reflektiert Pettinger sein eigenes Leben als Schwuler im heutigen Wien. Bei aller Freiheit scheint es so, als sei heute auch in Wien wieder Vorsicht geboten. So weist das Feature von Jürgen Pettinger über sich hinaus: Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und muss jeden Tag neu erstritten werden."

Ö1 wiederholt das preisgekrönte Feature am Tag der Regenbogenparade zur EuroPride 2019 in Wien.