Mond auf einem Schreibtisch

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Medienereignis Mondlandung

Das Wettrennen zum Mond und andere Geschichten.

Es ist drei Uhr früh. Ungewöhnliches geschieht. Unser Vater weckt meinen Bruder und mich, um uns etwas erleben zu lassen, von dem Papa meint, wir würden uns für immer daran erinnern. Die Amerikaner sind auf dem Mond gelandet, und bald werden sie aus ihrer Mondlandefähre aussteigen. Die ersten Bilder vom Mond werden erwartet. Ich bin 14, mein Bruder ist zwölf Jahre alt, und wir können nicht fassen, dass wir in der Nacht vor unserem Familienheiligtum sitzen dürfen, einem Schwarz-Weiß-Fernseher.

Im Fundus der Familie

Den Minerva-Fernseher von damals habe ich im Fundus der Familie wiederentdeckt. Als Nostalgiker wirft man ja historische Erinnerungsstücke nicht weg. Was ich bis vor Kurzem nicht wusste: Minerva war eine Wiener Firma, die ihre Fernseher im 4. Bezirk in der Ziegelofengasse zusammengebaut hat. Ein Rätsel bleibt mir, wie das Wissen um diese Technologie bereits in den 1950er Jahren in Wien angekommen war.

Dass man tagsüber nur ein Testbild, manchmal auch nur ein schwarz-weißes Grieseln zu sehen bekommt, haben mein Bruder und ich herausgefunden. Papa darf das natürlich nicht erfahren. An die live erlebten Fernsehbilder kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern, allein dass mitten in der Nacht überhaupt etwas gesendet wird, ist 1969 ein echtes Erlebnis.

Improvisiertes ORF Studio

Fast 700 Millionen Menschen verfolgen rund um den Globus live im Fernsehen die Mondlandung der USA, die Bewohner/innen der Sowjetunion erfahren nur aus der Parteizeitung Prawda von diesem Ereignis. Für den ORF wird ein Studio für diese Liveübertragung in einem Nebengebäude vom Tiergarten Schönbrunn improvisiert. Hugo Portisch, Peter Nidetzky und Dolmetscherin Ingrid Kurz erinnern sich an die heißesten 34 Stunden in ihrer Fernsehkarriere. Keine Klimaanlage, Scheinwerfer, die mehr heizen, als Licht abgeben, und die Ungewissheit über den Ablauf, was als Nächstes aus Houston und vom Mond übermittelt wird.

Acht Jahre davor hat US-Präsident John F. Kennedy die Reise zum Mond angekündigt: "Wir haben beschlossen, zum Mond zu fliegen (…) und werden auch die anderen Dinge tun - nicht weil es leicht, sondern weil es schwierig ist." Was hat Kennedy wohl mit den "anderen Dingen" gemeint?

USA vor einer Zerreißprobe

Die NASA ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in der Lage, einen Astronauten rund um die Erde zu schicken. Eineinhalb Jahre vor der Rede des US-Präsidenten hat das bereits der Russe Juri Gagarin als erster Mensch geschafft. Technologisch scheint die UdSSR überlegen. Die USA stehen vor einer Zerreißprobe. Im Inneren erschüttert von gewalttätigen Rassenunruhen, manche Landesteile stehen am Rand eines Bürgerkrieges, in der Welt konfrontiert mit der Sowjetunion, dem kommunistischen China und den von beiden unterstützten Befreiungsbewegungen in Südamerika, Afrika und Asien. Nach Korea wird nun Vietnam der nächste Kriegsschauplatz.

Mehr als 400.000 Menschen werden im Mondprogramm beschäftigt. Die Geldflüsse scheinen endlos, und im Gegensatz zu den Russen beginnt eine beispiellose Medienschlacht.

Ironie der Geschichte

Die USA gewinnen das Rennen zum Mond. Ironie der Geschichte, Richard Nixon, der unterlegene Widersacher gegen Kennedy im Kampf um die Präsidentschaft von 1960, schafft es 1968 nicht nur ins Präsidentenamt, sondern erntet auch die Lorbeeren für den Triumph der Apollo-11-Mission. In der Würdigung der Leistungen der NASA erwähnt er mit keinem Wort Kennedy. Als Präsident erledigt Nixon aber auch "die anderen Dinge" wie es J.F.K. gefordert hatte.

Nach dem Versagen des US-Militärs beenden die USA ihren Einsatz in Vietnam, eine Annäherung an China gelingt, Nixon besucht sogar Mao Zedong. Für erste Vereinbarungen über eine Abrüstung mit der Sowjetunion verhandelt der als Hardliner bekannte Republikaner direkt mit Leonid Breschnew.

Plötzlich wollen es alle

Ein halbes Jahrhundert später kommt es zu einem der üblichen Jubiläen. Im Kino startet zeitgerecht eine Doku über Apollo 11 mit bisher nie veröffentlichten Bildern, so zumindest die Ankündigung. Plötzlich wollen alle zum Mond. Die Russen kündigen ihre erste bemannte Mission für 2030 an, China ist vielleicht schon vorher dort, und erst vor Kurzem hat US-Vizepräsident Mike Pence die NASA aufgefordert, binnen fünf Jahren wieder Amerikaner/innen auf dem Erdtrabanten abzusetzen. Da ist nur das Problem, dass die ehemals führende Weltraumnation seit 2011 nicht mehr in der Lage ist, ohne russische Hilfe überhaupt ins All zu starten.

Text: Gerald Navara