KERSTIN FISCHBACHER

PRIVAT

Kerstin Fischbacher, Restaurierung

Kerstin Fischbacher, geboren 1988 in Wien, studiert Konservierung und Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste. Außerdem hat sie bereits ein Studium der Architektur absolviert. Ihre zwei Fachgebiete sind für sie wertvolle Werkzeuge für ihr Handwerk: Ein Gefühl für moderne Formensprache trifft dabei auf ein uraltes Wissen über Materialien und traditionelle Herstellungstechniken.

Was ist Kunst?

Eine schnelle und einfache Antwort auf diese Frage gibt ein Zitat von Ad Reinhardt: "Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere." Ich glaube Kunst in ein Korsett von Definitionen zu pressen, wiederspricht ihrer Natur und grenzt Freiheiten ein, die sie erst schaffen will.

Zum meinem Glück lässt sich der Begriff weit dehnen, da mein Kunstempfinden und -schaffen zu großen Teilen außerhalb der klassischen Künste wie der Malerei oder der Bildhauerei liegen.

Für mich kann auch ein Bauerntisch Kunst sein. Eine Stehlampe. Ein Kaffeehaussessel. Gerne auch ein Pissoir oder ein perfekt durchgeplantes und an seine Umgebung angepasstes Gebäude. Dinge, die uns täglich umgeben, können Kunst sein, ohne in einem Rahmen an der Wand zu hängen. Wenn ein trivialer Gegenstand, wie ein Möbel die Aspekte von Form, Funktion, Fertigkeit, Materialität, Technologie, Kultur und Zeitgeist in wunderbarer Art und Weise vereint, kann es ein Meisterwerk der Kunst sein, das mich persönlich mehr berührt als der Pudel von Jeff Koons.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Als Studentin der Konservierung und Restaurierung kommt die Kunst eher zu mir als ich zur Kunst. Das ist ein wunderbares Privileg, da man immer überrascht wird und man sie in einer Vielfalt erlebt, die vermutlich durch persönliche Auswahl ausgeschlossen wäre. Oft ist sie dann beschädigt, schlecht überarbeitet oder benötigt präventive Maßnahmen zur Sicherung und Erhaltung. Man kümmert sich um sie, hält vorsichtig in eigenen Händen und pflegt sie. Ein wunderbarer Beruf.

Als Bautechnikerin und Architekturstudentin entdeckte ich die Kunst in perfekten Details, brillianten Proportionen und dem gekonnten Einsatz von Materialien.

An der Akademie der bildenden Künste: Reizüberflutung. Ich war regelrecht überwältigt. Hier findet man künstlerische, studentische Arbeiten in jeglicher Form, angeblutete Binden, die auf einem Sockel präsentiert werden. Einen Raum weiter sitzen Restauratoren und beschäftigen sich Formen des Kunsthandwerks, mit Materialeigenschaften, Befundung und Schadensphänomenen. Darüber, ein Stockwerk höher, fertigen Architekten Modelle und an arbeiten an ihrem ultimativen Entwurf. Diese Spannungsfelder zwischen den Teilbereichen der Kunst machen für mich die Akademie aus, sie fühlt sich wie ein Labor künstlerischen Schaffens an.

Meine Kunst, wenn man mein Schaffen so nennen will, entspringt größtenteils dem angeeigneten Wissen über Architektur und Konservierung / Restaurierung, aber auch den Befürchtungen und Ängsten, die damit einhergehen. Auf der einen Seite versuchen Restauratoren Stoffe, die flüchtige organische Verbindungen ausgasen aus den Vitrinen der Kunstwerke zu verbannen … auf der anderen Seite kleiden Architekten Wohnräume mit denselben Materialien aus. Diese Widersprüche und Bedenken um unsere Umwelt weckten in mir den Wunsch etwas zu verändern und zwar in den Bereichen, in denen ich mich fachlich zuhause fühle. Dabei kombiniere ich mein Gefühl für moderne Formensprache mit uraltem Wissen über Materialien. Durch eigene Experiment und individuelle Forschung entstehen Materialinnovationen aus Naturstoffen, die als Grundlage für nachhaltiges, umweltfreundliches Design dienen sollen.Es ist mein kleiner, persönlicher Versuch das Erdölzeitalter entwicklungsgeschichtlich zu überwinden und Naturstoffe in den Kontext unserer Gegenwart und Ansprüche zu setzen.

Kommt Kunst von können, müssen oder wollen?

Alles beginnt mit der Inspiration und die bringt das "Wollen" automatisch. Anschließend braucht man das "Können" für die Umsetzung. Um eine Werksbefriedung zu verspüren "muss" man das Projekt dann noch zu Ende bringen.

Wo würden Sie am liebsten ausstellen?

Bei jedem Einzelnem zuhause, auf der Straße, in Lokalen und im Supermarkt. Kurzgesagt überall wo sich Menschen aufhalten, mitten in der Gesellschaft. Meine Entwürfe sind nicht für das Museum geschaffen, bei ihnen stehen Funktion, Nachhaltigkeit und Materialeigenschaften im Vordergrund, selbstverständlich auch Ästhetik. Dennoch sind sie nicht als Selbstzweck und für die reine Betrachtung gedacht. Es sind Konzepte die gesamtheitlich funktionieren sollen, möglichst von allen Seiten durchdacht. Bei dem von mir entworfenen Material „Corncobit“, einem Werkstoff aus Maisspindelgranulat geht es um Regionalität, biologische Abbaubarkeit, den Umgang mit Ressourcen, aber auch Marktpreise und Herstellungsmöglichkeiten. So was kann nicht in der Vitrine bleiben, sondern ist für den Einsatz als Baumaterial oder als Oberfläche für Möbel gedacht.

Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Wären Zeitreisen möglich, definitiv mit Leonardo da Vinci. Ein richtiges Universalgenie! Zeitgleich Künstler und Erfinder. Beide Charaktere haben einiges gemeinsam, vor allem die Gabe die Welt nicht nur in ihren Grenzen, sondern auch mit all Ihren Möglichkeiten zu sehen. (Kein Zitat von mir, aber es trifft den Nagel auf den Kopf.)

Wie viel Markt verträgt die Kunst?

Finanziell einträgliche Kunst kann meiner Meinung nach nur mit dem dementsprechenden Markt realisiert werden. Jeder kann selbst entscheiden ob er/sie den Versuch wagt den Markt zu bestimmen und für sich zu gewinnen, sich diesem zu unterwerfen oder lieber abseits finanziellen Profits zu arbeiten. In meinen Augen kann jeder dieser Wege legitim sein, solange man sich und seinen Ideen treu bleibt.

Und wie viel Kunst verträgt der Markt?

Man kann den Markt mit Kunst überschwemmen, es kann unendliche Angebote geben, jedoch bestimmen Nachfrage, Zeitgeschmack, Finanzlage und Spekulation darüber wer profitiert und wer nicht. Im Bereich Architektur und Design, in dem ich mich thematisch bewege, hoffe ich, dass in naher Zukunft aber auch die Kriterien Nachhaltigkeit und Umweltbewusstheit eine wichtigere Rolle spielen… wenn sich nicht immer Lobbyisten querstellen würden…

Wofür würden Sie Ihr letztes Geld ausgeben?

Werkzeug. Ganz klar. Alles andere, z.B. Rohstoffe schenkt die Natur (derzeit zumindest noch…). Werkzeuge und Technologien mussten sich jedoch Jahrtausende entwickeln, deswegen ist das Wissen darüber so wertvoll für die Menschheit. Es verleiht die Möglichkeit die Natur nach unseren Vorstellungen und Bedürfnissen zu formen.
Ich würde dann mit dem richtigen Werkzeug ganz einfach mitten im Nirgendwo meine eigene Zivilisation gründen…hoffentlich würden sich mir ein paar begabte Individuen anhängen, die braucht man natürlich auch noch … Ich stelle mir eine moderne Alternativgemeinschaft vor, die im Einklang mit der Natur lebt und ihre Kreisläufe respektiert, das würde mir gefallen. Fernab unserer Plastiksackerl-Gesellschaft, die ihre Häuser mit Styropor einpackt.

Wenn es nur um das fehlende Geld geht, kann man mit Werkzeug Erzeugnisse schaffen, die man gegen Geld tauscht. Dieses Konzept funktioniert schon richtig lange…

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Hoffentlich wie jeden Morgen, zufrieden im Spiegel. Abgesehen davon habe ich bis dahin das Bau- und Verpackungswesen in Sachen Nachhaltigkeit revolutioniert. Leite meine eigene Restaurierungswerkstatt und bin mitten in der Gründung meiner Alternativgesellschafft. Das sollte sich doch in zehn Jahren ausgehen, oder?

Haben Sie einen Plan B?

Nicht nur einen. Wer mich kennt weiß, dass ich immer parallel Plan A, B, C, E, F, G… bis Z im Kopf habe. Meine persönliche Challenge ist, dass Plan A nicht von den anderen Plänen Konkurrenz bekommt... und dann mal wieder einmal hinten ansteht.

Wann und wo sind Sie das letzte Mal unangenehm aufgefallen?

Unbeabsichtigt vermutlich regelmäßig in der „Gurke“, wie wir liebevoll unserer Gemeinschaftswerkstatt nennen. Wenn ich zum Beispiel wieder einmal für meine Experimente kiloweise Maisspindelgranulat mit der Kaffeemühle reibe und der Staub währenddessen wortwörtlich in jede Ritze kriecht. Oder ich von Willhaben, dem Schrottplatz oder Kellerräumungen unbedingt ein Objekt retten muss, dessen Pflege mich dann Monate kostet…Ein paar solcher „Patienten“ nehmen ganz schön viel Platz ein, wie derzeit zwei Autodrome aus den 70-er Jahren, die teilzerlegt auf ihre endgültige Genesung warten. (Danke liebe Gurkis für eure andauernde Geduld!)

Beabsichtigt fiel ich vor kurzem auf einer Baustelle in Wien auf, dich ich bei der Polizei, der Baupolizei, der MA 48 und dem Umweltamt gleichzeitig anzeigte. Da kann ich wie man so schön sagt eine ordentliche „Krätzn“ sein und emotional werden. Bei dem kopflosen Einsatz von Polystyrol, vor allem in Kugelform, stellt es mir die Haare auf. Die Arbeiter hatten bei starken Wind die Säcke mit den Kugeln geöffnet um Sie mit Estrich zu mischen. Natürlich flogen dabei gefühlte 50 Prozent von dem Material durch die Luft und verschmutzten dabei ganze Straßenzüge in der Umgebung. Die Antwort „Wir putzen dann schon“… trieb mich dann regelrecht zur Weißglut…

Wollen Sie die Welt verändern?

Unbedingt, jede Sekunde, so wie sie jetzt ist kann sie ja wohl nicht bleiben, das ist zumindest meine Ansicht. Ob mir das gelingt, wird sich aber noch weisen. Mit meinem Projekt PAPEAIR stehen die Karten dafür gar nicht so schlecht. Dem Verpackungsriesen Smurfit Kappa gefiel meine Idee recycelte Papierpulpe mit natürlichen Zutaten aufzuschäumen und das getrocknete, luftige Material als wärmedämmendes Element in Papierverpackungen zu verwenden. Bis jetzt werden für diese Aufgabe hauptsächlich Styropor oder andere synthetische Schaumstoffe verwendet. Abgesehen davon, dass ich Styropor als ökologisch problematischen Werkstoff einstufe, müssen Papierverpackung und die Styroporeinlage bei der Entsorgung getrennt werden.

Mein Konzept sieht vor, dass die gesamte Verpackung aus Papier besteht und samt Innenleben gemeinsam entsorgt und recycelt werden kann. Für dieses Konzept und die Experimente zur Materialentwicklung wurde ich in einer Kategorie mit dem ersten Platz der Better Planet Design Challenge von Smurfit Kappa prämiert. Nun steht die Entwicklung eines tatsächlichen Produkts an und ich darf mit einem eigens zusammengestellten Projektteam, dem auch Chemiker, Physiker und Produktentwickler an der Idee weiterfeilen.

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