Archivaufnahme einer Dame, Buchcover

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"Die Frau ohne Grab" von Martin Pollack

In seinem neuen Buch erforscht Martin Pollack die Hintergründe rund um den Tod seiner Großtante Pauline im Sommer 1945. Es ist nach "Der Tote im Bunker" Pollacks zweites Werk, das sich mit seiner eigenen Familiengeschichte rund um die NS-Zeit auseinandersetzt.

Mittagsjournal | 20 08 2019

Am 24. August 1945 stirbt Pavla Drolc in slowenischer Gefangenschaft im Schloss Hrastovec unweit von Maribor. Die harten Umstände in dem kommunistischen Konzentrationslager haben der damals 70-jährigen Deutsch-Slowenin wohl zu sehr zugesetzt. Das Grab der Verstorbenen sucht man vergebens - vermutlich wurde sie, wie viele andere Opfer der slowenischen Partisanen, irgendwo am Areal des Schlosses oder dem nahegelegenen Friedhof verscharrt.

Bei Pavla Drolc, oder Tante Pauline, handelt es sich um die Großtante des österreichischen Autors und Übersetzers Martin Pollack, dessen neuestes Buch "Die Frau ohne Grab" ihrem Schicksal gewidmet ist. Ihn bewegt die Tatsache, dass es aus dieser Zeit viele spannende Einzelschicksale gibt, anhand derer man Geschichte verständlich machen könne, "dass wir die Geschichte für Leser, die viel jünger sind, versuchen können anschaulich zu machen", so der Autor.

Milieu keine Entschuldigung

Man könne sich die Situation und die Zeit so besser vorstellen, bekommt einen Eindruck von dem Milieu, aus dem die Leute gekommen sind und könne so ihre Entwicklung nachvollziehen, meint Pollack weiter. Das Milieu allein ist aber keine Entschuldigung für Gräueltaten, wie sie beispielsweise unter dem Nationalsozialismus verübt oder von vielen zumindest bejubelt wurden. Seine Tante Pauline, aufgewachsen in einer Familie glühender Nationalsozialisten, sei das perfekte Beispiel dafür.

Über sie weiß Pollack heute, dass sie eine ganz normale, fast uninteressante Frau war, die sich durch nichts hervorgetan hat, außer, und das sei wichtig, dass sie nie in den "Großdeutschen Wahnsinn" der Brüder eingestiegen sei, obwohl diese ihr gegenüber sicherlich dominant waren. "Sie ist bei ihrer Linie geblieben, und das zeigt, dass man auch in solchen Zeiten anständig bleiben kann."

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Man darf nichts verschweigen

In "Die Frau ohne Grab" offenbart Martin Pollack einiges über die dominanten Brüder und ihre dunkle Vergangenheit, allen voran Ernst: Anwalt und schlagender Burschenschafter bei der Germania zu Graz. Die Auseinandersetzung mit seiner, oft äußerst schmerzhaften, Familiengeschichte, ist für den Autor eine wichtige Aufgabe: "Gerade in Österreich, wo wir wirklich Jahrzehnte lang unglaublich gut waren im Verschweigen, Vergessen, im Verdrängen, im Wegschauen, das teilweise ja bis heute weiter passiert. Also da sind wir schon gut beraten, wenn zumindest einzelne sich dem verweigern und sich mit diesen Geschichten intensiv auseinandersetzen", meint Pollack.

Dabei müsse man aber wirklich ehrlich sein und dürfe nichts verschweigen oder Unangenehmes verdecken. Außerdem sei besonders wichtig, dass man nichts gegeneinander aufrechnet. Denn dass ausgerechnet seine politisch inaktive und zurückhaltende Tante Pauline nach dem Krieg zum Opfer der slowenischen Partisanen wurde, sei zwar tragisch, ihre Geschichte solle aber in keinem Fall dazu dienen, die Verbrechen der Nazis aufzuwiegen, so Pollack weiter.

Tante Pauline: unscheinbar und zurückhaltend. Dementsprechend schemenhaft bleibt auch das Bild, das Pollack anhand einiger weniger Fotografien, Aufzeichnungen und Erzählungen über sie zeichnen konnte.

Text: Julia Sahlender

Service

Martin Pollack, "Die Frau ohne Grab - Bericht über meine Tante", Zsolnay Verlag

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