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Dag Solstads Porträt eines Bibliothekars

Haruki Murakami ist von ihm begeistert, Peter Handke widmete ihm einen Essay, Lydia Davis hat Norwegisch gelernt, um ihn im Original zu lesen. Die Rede ist von Dag Solstad, der zur ersten Garde der norwegischen Schriftsteller gehört. Sein Name wird immer wieder auch mit dem Literaturnobelpreis in Verbindung gebracht.

Kulturjournal | 20 08 2019

Kristina Pfoser

Den so genannten "Kleinen Nobelpreis" hat er schon, der renommierte Nordische Preis der Schwedischen Akademie wurde ihm vor zwei Jahren der verliehen. Hierzulande ist der 78-jährige Dag Solstad noch immer ein Geheimtipp. Das könnte sich jetzt ändern, wenn heuer bei der Frankfurter Buchmesse die norwegische Literatur im Rampenlicht steht. Übersetzungen von Solstads Romanen gibt es seit langem, im kleinen Schweizer Dörlemann Verlags erscheint seit 2004 eine Werkausgabe und in diesem Rahmen ist jetzt der Roman "T. Singer" erschienen, ein Roman über das Leben eines Bibliothekars.

Ein ganz und gar negativer Geist

Dag Solstad wird immer wieder als schrullig beschrieben und wenn man ihm mit seinen zerzausten langen weißen Haaren begegnet, glaubt man das gern. Interviews gibt er nur selten und wenn, dann antwortet er auch nicht unbedingt auf Fragen, etwa: wie er der Frankfurter Buchmesse entgegensieht? Darauf sagt er: "Wir wissen, dass wir sterben sollen, und wir können nicht behaupten, dass das Leben einfach ist." - Einfach ist das Leben auch nicht für Dag Solstads Protagonisten T. Singer. "Singer litt an einer speziellen Form von Schamgefühl" - mit diesem Satz beginnt der Roman. Mit weiteren Charakterisierungen halten wir uns an den Roman. Hier ein paar Zitate: "der passive junge Mann ist und bleibt ein abstoßender Anblick. Er hatte sein Leben als Betrachter vergeudet, ein rückgratloser Grübler, ein identitätsloser Lebensverleugner, ein ganz und gar negativer Geist." -

Wer spricht?

Unter uns gesagt, meint Dag Solstad augenzwinkernd, Singer ist die Person, die mir am nächsten steht. Und gefragt, welche Position dieser Singer in seinem Romanuniversum einnimmt, denkt Solstad lange nach und sagt schließlich: "Er ist ein Kind Gottes". Singer war sich jedenfalls "selbst ein Rätsel", wie es an einer Stelle heißt, und als Rätsel wollte er auch von den anderen gesehen werden. "Man weiß nicht ob er einen Vornamen hat", sagt Dag Solstad, T. Singer existiere auch nur in der Phantasie des Erzählers, und es bleibt offen, wer hier spricht: T. Singer? Der Erzähler? Oder der Autor selbst? - Mit labyrinthisch verschachtelten Sätzen entwirft Dag Solstad das Psychogramm eines 34-jährigen gescheiterten Schriftstellers, der in einer norwegischen Kleinstadt als Bibliothekar arbeitet "von Einsamkeit und geistiger Abwesenheit geprägt" wie es heißt. "Einsamkeit", "Scham" und "peinlich" - diese Worte oft fallen auf den rund 300 Seiten. "In den meisten Büchern, die ich gelesen habe, sind die Personen einsam", sagt Dag Solstadt, "es ist ein internationales Phänomen, wobei ich nicht zwischen einer ausländischen und meiner norwegischen Seele unterscheide" - in der Literatur macht das keinen Unterschied.

Buchcover

DÖRLEMANN VERLAG

Kompromisslos und eigenwillig

Wandelbar und unbändig, enigmatisch und paradox, mal konventionell, mal experimentell, mal politisch, mal ganz apolitisch - so wurde das Werk von Dag Solstad beschrieben. Konstant sind nur seine Kompromisslosigkeit und Eigenwilligkeit. Früher wollte Dag Solstad die Gesellschaft verändern, die Menschheit bekehren - als politischer Autor und Mitglied der maoistisch-kommunistischen Arbeiterpartei. Das hinderte aber ihn nicht, sich für den NS-Sympathisanten Knut Hamsun zu begeistern. "Wegen Knut Hamsun habe ich zu schreiben begonnen", erklärt Dag Solstad, "seine frühen Bücher "Hunger" oder "Pan" haben mich geprägt. Es handelt sich da um nichts weniger als das Mirakel der Dichtung."

Vom Kommunismus verlassen

Ende der 80er Jahre, in den Zeiten der Wende, sei ihm der Glaube die Veränderbarkeit der Gesellschaft abhandengekommen, sagt Dag Solstad. "Eines Tages, hat mich der Kommunismus verlassen und ich blieb einsam zurück. So war es, und ich habe es mit Humor genommen, im Herzen bin ich noch immer Kommunist. Ich glaube, meine Literatur wurde dadurch gestärkt, ich bin mir aber nicht ganz sicher. Ein Autor muss sich ändern, wenn sich die Umstände ändern. Und das habe ich gemacht. So ist es gewesen." - Jenseits von Literaturbetriebsamkeit und Lesererwartungen schreibt Dag Solstad sein Werk fort. Schon länger wird darüber spekuliert, dass das vielleicht auch vom Nobelpreiskomitee gewürdigt werde.

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