"Ein Hummerleben" von Erik Fosnes Hansen

Der norwegische Bestsellerautor Erik Fosnes Hansen ist kein Vielschreiber. Seit seinem letzten Roman "Das Löwenmädchen" sind 13 Jahre vergangen. Begonnen hat der heute 54-Jährige mit 18, sein Romandebüt "Falkenturm" wurde in Norwegen als literarisches Ereignis gefeiert.

Der internationale Durchbruch gelang ihm 1985 mit seinem zweiten Roman über die Bordkapelle der Titanic: "Choral am Ende der Reise" wurde in 30 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Wenn Norwegen im Oktober Gastland bei der Frankfurter Buchmesse ist, ist Erik Fosnes Hansen mit einem neuen Roman mit dabei, mit "Ein Hummerleben", einem Roman über die Finanzkrise, erzählt anhand des Niedergangs eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen.

Morgenjournal | 22 08 2019

Kristina Pfoser

"Ein Hummerleben", das ist ein Roman über die Finanzkrise, erzählt anhand des Niedergangs eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen. Wir schreiben das Jahr 1982. Hoch oben im Fjell wächst der 14-jährige Sedd in einem alten vornehmen Berghotel bei seinen Großeltern auf, in einer Szenerie, die Erik Fosnes Hansen aus eigener Anschauung gut kennt. Als Kind, erzählt er, habe er oft seinen Vater, einen Reisebüromanager bei Inspektionsfahrten zu Fjordhotels begleitet.

Kulturjournal | 22 08 2019 | Erik Fosnes Hansen im Gespräch

Kristina Pfoser

Der verteufelte Süden

"Ich kann mich sehr gut an diese Hotels erinnern. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Norwegen endgültig ein Sozialstaat wurde, mit geregelten Ferienzeiten usw., hat das große Publikum die Berge erobert und damals setzte eine wunderbare Zeit für diese Hotels ein. Aber dann in den 70er Jahren haben die Norweger entdeckt, es gibt ein anderes Land: und dieses Land heißt der Süden."

Der "verteufelte Süden", wie der Großvater in dem Buch sagt. Und als der alte Bankdirektor Berg bei einem Essen stirbt, wird deutlich, dass das Hotel nur durch das Wohlwollen der Bank überlebt hat, die scheinbare Idylle beginnt zu bröckeln.

Geborstene Illusionen

Ausgangpunkt seines Romans war nicht der hohe Norden, sondern der tiefe Süden, sagt Erik Fosnes Hansen, und zwar Granada, wo er vor einigen Jahren gelebt hat. "Da war die Finanzkrise am allertiefsten. Wir sahen dort ganze Familie, die vor ihren ehemaligen Häusern auf der Straße standen, mit ihren Möbeln, und sie weinten, weil sie die Häuser nicht mehr bezahlen konnten und rausgeschmissen wurden. Es war ein furchtbarer Anblick! Und ich dachte, hier sehen wir auch, wie eine Lebensform ausstirbt und wie Illusionen bersten."

Buchcover

KIEPENHEUER & WITSCH

Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?

"Ein Hummerleben" ist die Geschichte eines Konkurses mit allem was dazugehört: Selbstbetrug und Lüge, Geheimnisse und falsche Erwartungen. Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Es ist beides, sagt Erik Fosnes Hansen, der als Erzähler in die Figur des Sedd geschlüpft ist. "Ich habe mich mehrmals ertappt beim Schreiben, dass ich laut lachte, weil wie Menschen mit 14 normalerweise schreiben, das ist wirklich nicht druckfähig."

Geld ist gnadenlos

Sedd und wie er die Welt sieht - trotz unterhaltsamer satirischer Elemente ist die Botschaft dieses Romans ernst. "Geld ist so gnadenlos und ökonomische Tatsachen sind gnadenlos", sagt Erik Fosnes Hansen. Dieser Laissez-faire-Kapitalismus, der Glaube an den Markt und den freien Wettbewerb habe sich durchgesetzt, "das heißt, viel ist wieder den freien Kräften überlassen, aber wer sind diese freien Kräfte?"

Einmal mehr ist es Erik Fosnes Hansen gelungen, die große Welt mit ihren Dramen und Konflikten in einem Mikrokosmos einzufangen, im Mikrokosmos eines norwegischen Berghotels.

Service

Erik Fosnes Hansen, "Ein Hummerleben", Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Kiepenheuer&Witsch
Titel der Originalausgabe: "Et hummerliv"

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 16. bis zum 20. Oktober 2019 statt.

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