Hyazinth

AP/SANG TAN

"Die Hyazinthenstimme" - Roman über Kastratensänger

In der Barockzeit galten Kastratensänger als die Superstars der Oper, im Roman "Die Hyazinthenstimme" schafft ein barockbesessener Musikliebhaber auf einem abgelegenen Schloss eine Kaderschmiede für Kastratensänger, allerdings in der Gegenwart. Ausgedacht hat sich die Geschichte die russischstämmige Schriftstellerin Daria Wilke.

Außenstehende halten das Schloss für ein elitäres Bubeninternat, tatsächlich erfüllt sich hinter den hohen Mauern ein reicher Mann den größenwahnsinnigen und grausamen Traum vom "Ewigen Barock". Größenwahnsinnig, weil das Haus Settecento versucht "die ganze Welt des 18. Jahrhunderts zu sein" und grausam, weil der Mann dazu Kastratensänger braucht, die er in seinem Schloss nicht nur ausbilden, sondern auch operieren lässt.

Barock und Magischer Realismus

"Ich habe das Buch ‚Geschichte der Kastraten‘ von Patrick Barbier gelesen und Farinelli-Arien gehört und plötzlich war diese Geschichte da", sagt Daria Wilke. Die gebürtige Russin aus einer Moskauer Schauspielerfamilie kam im Jahr 2000 nach Wien. "Die Hyazinthenstimme" ist ihr erster Roman. Auf Deutsch geschrieben, sagt sie, aber russisch gedacht: "Das Buch ist stilistisch sehr russisch, angelehnt an den in Russland sehr beliebten Magischen Realismus und an mein großes Vorbild Michail Bulgakow."

Entsetztes Staunen

Eindringlich und beklemmend sind die Schilderungen des Ich-Erzählers Matteo, eines Schülers im Haus Settecento. Der spricht vom Monster in ihm, das ihn seit dem Eingriff beherrscht, ihn nicht Mann und nicht Frau sein lässt, ein Zwischenwesen, das nur als Stimme in der Welt seinen Platz findet. Eine Stimme allerdings, die auch er als überirdisch wahrnimmt und an der er hängt.

Daria Wilke: "Es gibt da dieses völlig verrückte Gefühlswirrwarr, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann: denn da ist einerseits das Staunen über diese unglaublichen Stimmen und andererseits das Entsetzen darüber, was man mit diesen Menschen gemacht hat."

Das einzige Tondokument

Daria Wilke hat sich durch die Barockopern gehört, um sich zum Schreiben in die richtige Stimmung zu bringen. Und sie hat die Geschichte der Kastratensänger genau recherchiert. So kann man im Buch auch von Alessandro Moreschi lesen, der als päpstlicher Sänger in der Sixtinischen Kapelle angestellt war und als letzter Kastratensänger galt, operiert kurz vor 1870 als es zum endgültigen Verbot der Knabenkastration kam. Daria Wilke: "Von Moreschi stammen die einzigen existierenden Aufnahmen einer Kastratenstimme, allerdings war er nicht der Beste. Man bekommt beim Hören aber schon einen Eindruck davon, wie überirdisch diese Stimmen waren."

Buchumschlag

RESIDENZ VERLAG

Waghalsige Konfrontation

"Die Hyazinthenstimme" ist über weite Strecken in zwei Stimmen erzählt. Dem auktorialen Erzähler steht der unmittelbar betroffene Ich-Erzähler gegenüber, dem Schwelgen in der Zauberwelt des Barock die Tragödie einer zerstörten Existenz. Einen waghalsigen Roman hat Daria Wilke da geschrieben, weil hier Kunst und Leben, Körper und Geist keine Einheit bilden, sondern unversöhnlich aufeinanderprallen.

Service

Daria Wilke, "Die Hyazinthenstimme" , Roman, Residenz Verlag

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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