Musiker in der Wüste

MARLENE KAUP

Das ORF musikprotokoll 2019

Entfernung und Nähe: Wenn ein Text über das musikprotokoll als Festival für das immer Neue und noch Ungehörte mit diesem Begriffspaar beginnt, dann könnte man mit gutem Grund von Entfernung und Nähe in einem ästhetischen, erfahrungstechnischen oder sogar psychischen Sinn ausgehen.

Und das stimmt ja durchaus, auch heuer wieder, aber wir meinen es diesmal darüber hinaus auch geografisch. Die Schar an Künstler/innen, deren Werke man beim musikprotokoll hören kann, war immer, das heißt, ist seit 52 Jahren eine international durchmischte. Aber heuer ist die geografische Nähe oder Entfernung ein richtiges Leitthema des Programms.

Das hat seine Wurzeln darin, dass das musikprotokoll ja in unmittelbarem, personellem Zusammenhang mit Ö1 steht. In diesem Programm Ö1 läuft zurzeit - das heißt seit September 2016 - die Reihe "Nebenan - Erkundungen in Europas Nachbarschaft". Das führte Ö1 Musikredakteur/innen wie Elke Tschaikner, Susanna Niedermayr, Rainer Elstner und Christian Scheib zum Recherchieren in Länder im Süden und Osten von Europa. Bemerkenswerte Musik, zeitgenössische Musik der unterschiedlichsten ästhetischen Absichten und soziokulturellen Hintergründe, ließ und lässt sich dabei finden. Für das musikprotokoll 2019 haben wir beim Kuratieren und Programmieren auf diesen Erfahrungsschatz zurückgegriffen.

Sujet

ORF

Geografische und gedankliche Weiten

Entfernung und Nähe: Wie weit - geografisch wie gedanklich - ist es also nach Weißrussland, das man eigentlich Belarus nennen sollte, in den Libanon, nach Georgien und Armenien, nach Zypern, nach Ägypten und Israel, nach Tunesien und Marokko? Wie entfernt sind diese Länder von "Europa", oder, viel besser gefragt, wie weit entfernt sind wir von diesen Ländern, deren Geschichte, Mentalität und vor allem deren Musik? Im Programm des heurigen musikprotokolls findet sich ein Schwerpunkt mit ausgewählten Positionen aus diesen Ländern. Und zwar quer durch alle vertretenen Genres: Uraufführungskompositionsaufträge für großes Orchester – das RSO Wien – ergingen an eine Komponistin aus Belarus, einen Komponisten aus Israel und einen Komponisten mit marokkanisch-britischen Eltern.

Das Studio Dan spielt überhaupt gleich eine dramaturgisch streng geformte Abfolge von zehn Uraufführungen, darunter Österreicher/innen ebenso wie Komponistinnen und Komponisten aus dem Libanon, Belarus, Armenien. Soloperformances ebenso wie weitere uraufzuführende Kompositionsaufträge aus Zypern, Ägypten und Georgien gibt es von Donnerstagabend im Dom im Berg bis zum Finale am Sonntag.

Mikheil Shugliashvili

DAVID SHUGLIASHVILI

Mikheil Shugliashvili

Hommage an Mikheil Shugliashvili

Bei Georgien gilt es kurz innezuhalten: Im Programm des Orchesterkonzerts findet sich ein uraufgeführtes Werk, dessen Entstehungsdatum Jahrzehnte zurückliegt und dessen Komponist vor ebenfalls schon vielen Jahren - 1996 - verstorben ist.

Das klingt gar nicht nach typischem musikprotokoll-Programm. Der Komponist Mikheil Shugliashvili, von dem dieses Orchesterstück, "Polychronia", stammt, hat es uns aber angetan. In Georgien, in Tiflis, entstand hauptsächlich in den 1960er und 70er Jahren eine Vielzahl von - wie man damals gesagt hat oder hätte - "avantgardistischen" Werken, von denen aber kraft der gesellschaftlichen Umstände viele weder gedruckt noch gespielt wurden.

Mit diesem Orchesterstück, einem Ensemblestück und einem Stück für drei Klaviere widmen wir Mikheil Shugliashvili eine Hommage. Sowohl das noch nie gespielte Orchesterstück als auch das Sextett harren übrigens bisher einer Publikation. Das musikprotokoll übernimmt in Zusammenarbeit mit dem Musikverlag Boosey & Hawkes diese Aufgabe. Erstmals werden diese Werke nun gedruckt und verlegt.

Bewusst der Fremde ausgesetzt

Entfernung und Nähe: Nun ist es ja nicht das erste Mal, dass das musikprotokoll sich auch geografisch ganz bewusst der Fremde aussetzt, ganz im Gegenteil. Es ist ja geradezu ein Gründungsmythos dieses Festivals, sich in den Anfangsjahren unter dem Begriff "Trigon" der damaligen unmittelbaren Nachbarschaft Jugoslawien und Italien gewidmet zu haben.

Vor allem aber gab es schon einmal einen "Nebenan"-Schwerpunkt beim musikprotokoll. Anfang des 21. Jahrhunderts standen Künstler/innen aus Ländern wie Ungarn, Rumänien, Serbien, Polen et cetera im Mittelpunkt. Begonnen hat jenes Muster, das wir unter dem Gesamttitel "Nebenan" subsummieren, nämlich vor beinahe 20 Jahren. Die EU-Osterweiterung war damals in aller Munde und wir von Ö1 bemerkten - und zwar gewissermaßen genreübergreifend, von Wissenschaft über Gesellschaft zu Kunst, Musik, Politik -, dass wir von jenen Ländern, die das anfänglich betroffen hat, erschreckend wenig wussten.

Fall des Eisernen Vorhangs

Das waren vorerst genau jene Länder, von denen Österreich über Jahrzehnte durch den Eisernen Vorhang mehr oder weniger abgeschnitten war. Von der Tschechoslowakei über Ungarn nach Jugoslawien. Plötzlich aber waren das Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Slowenien. Und wir stellten fest, dass wir über unsere alten neuen Nachbarn kaum etwas wussten. Auch nichts über deren zeitgenössische Musikszenen. Wir begannen also mit den eben genannten, unmittelbaren Nachbarn, und der Erfolg dieser ersten "Nebenan"-Schwerpunktwochen war überwältigend. Wir hatten offenbar einen Nerv getroffen - und die Ö1 Hörer/innen waren begeistert, was man über die Nachbarn alles lernen kann. Daraufhin machten wir bei den unmittelbaren Nachbarn nicht halt, sondern dehnten "Nebenan" auf die Länder Polen, Bulgarien, Rumänien, Serbien und Montenegro, schlussendlich auch Litauen, Estland und Lettland aus.

Aus den "Zeit-Ton"-Reportagen aus diesen zwölf Ländern von Susanna Niedermayr und Christian Scheib wurden sogar zwei zweisprachige musikprotokoll- Bücher samt CDs, die beim Pfau-Verlag erschienen. Unter dem Titel Europäische Meridiane - Neue Musik-Territorien in Europa liefern sie ein höchst abwechslungsreiches, überraschendes und unserer Wahrnehmung bis dahin völlig entgangenes Bild von alten Traditionen und neuen Aufbrüchen. Und selbstverständlich prägten dann eben auch damals die gemachten Erfahrungen manche Konzertprogrammierung des musikprotokolls.

Plötzlich war wieder von Grenzen die Rede

Dann vergingen Jahre. Europa entwickelte sich, mal besser, mal weniger gut, aber in jedem Fall: doch. Und plötzlich war wieder von Grenzen die Rede. Aber da war kein Eiserner Vorhang mehr, da waren plötzlich EU-Außengrenzen. Und wir bemerkten, dass wir, egal, was man von welcher Entwicklung im Detail auch hält, definitiv neue Nachbarn haben. Und diesmal meint "wir" nicht Österreich, sondern Europa.

Aus "Erkundungen in Österreichs Nachbarschaft" wurden "Erkundungen in Europas Nachbarschaft". Deswegen findet sich heuer zeitgenössische Musik aus dem Libanon und aus Belarus, aus Georgien und Armenien, Zypern, Ägypten, Israel, Tunesien und Marokko im musikprotokoll-Programm.

Service

ORF musikprotokoll - 3. bis 6. Oktober 2019

Gestaltung

  • Christian Scheib