Das Buch des Monats Dezember

ORF/ISABELLE ORSINI-ROSENBERG

Marghanita Laski, "Herz, sprich lauter!"

Der Roman von Marghanita Laski ist das Ö1 Buch des Monats Dezember

Um ein Kind, das in den Wirren des Krieges scheinbar seine Eltern verloren hat, geht es im Roman "Herz, sprich lauter!" der englischen Schriftstellerin Marghanita Laski (1915 bis 1988). Der erschien ursprünglich unter dem viel besseren Originaltitel "Little Boy Lost" im Jahr 1949 und handelt vom Verlieren und vom Suchen.

Verhängnissvoller Brief

Am Weihnachtsabend des Jahres 1943 steht ein Franzose an der Tür des Witwers Hilary Wainwright in London. Er nennt sich Pierre, sagt, er sei Mitglied der Resistance und überbringe einen Brief von Wainwrights Frau Lisa, die ein Jahr zuvor in Paris von der Gestapo verhaftet und ermordet worden war. Vor dem Krieg hatten Hilary und Lisa in Paris gelebt. Sie hatte ein Kind erwartet, doch Hilary wurde zur Armee eingezogen, während Lisa in Frankreich blieb und Kontakte zum Widerstand hatte.

Aus dem Brief erfährt er, dass der Sohn, den er aufgrund des Krieges und der Unmöglichkeit, nach Paris zurückzukehren, nie sehen konnte, bei einer Bekannten untergebracht sei, denn ihr, also Lisas Leben sei in Gefahr. Kompliziert wird die Angelegenheit, als Pierre, der unbekannte Besucher, erzählt, auch diese Bekannte sei verhaftet worden und niemand wisse, was mit dem Kind passiert sei.

In einem Kloster bei Paris

Im Frühjahr 1945 nimmt Pierre wieder Kontakt mit Hilary auf und schlägt vor, das Kind zu suchen. Ein geradezu unmögliches Unterfangen, denn es gibt keine brauchbare Spur und nicht einmal die Gewissheit, dass es überhaupt noch am Leben ist. Hilary kommt nur durch Pierres Hilfe zu ein paar zweifelhaften Informationen, die ihn in ein Kloster nördlich von Paris führen. Dort begegnet er einem Buben, der sein Sohn sein könnte - aber sicher ist es nicht.

Diese Unsicherheit wird bleiben, auch wenn die beiden ein paar Stunden miteinander Verbringen und Hilary herauszufinden versucht, ob sich das Kind an etwas Konkretes, etwas Nachprüfbares erinnert. Doch die traumatischen Erfahrungen, die es in seinem kurzen Leben machen musste, verhindern die erhoffte Klarheit. Der Gewissenskonflikt, in dem Hilary sich befindet, liegt auf der Hand: soll er seinem Gefühl oder seinem Verstand folgen. Der Verstand sagt: dieser Bub könnte genauso gut irgendein Bub sein, der seine Eltern verloren hat. Nichts deutet auf Hilarys Vaterschaft hin. Das Gefühl sagt: und doch ist es möglich, dass es sein Kind ist.

Verstand versus Gefühl

Und ist es überhaupt wichtig, den genetischen Beweis zu haben, wenn man ein Kind aus einer Notlage retten kann? Wieder funkt der Verstand dazwischen. Mag sein, sagt er, aber wenn du dieses Kind zu deinem Kind erklärst, kann es immer noch sein, dass dein leibliches Kind weiterhin irgendwo in diesem Land lebt und auf dich wartet. Dieser Konflikt lässt sich nicht lösen. Hilary muss sich entscheiden. Gefühl oder Verstand: lesen Sie diesen anrührenden und zugleich unprätentiösen Roman!

Service

Marghanita Laski, "Herz, sprich lauter!", Roman, aus dem Englischen von Sabine Roth, Arche Verlag, 240 Seiten

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