Roter Himmel mit Menschen im Gegenlicht

AP/JACQUELYN MARTIN

Die Fülle des Lebens

Die "Lebenskunst"-Reihe "Große Gestalten der Bibel - menschlich gesehen" - jeden Sonntag und Feiertag, von 1. Dezember 2019 bis 6. Jänner 2020, jeweils um 7:05 Uhr.

Die Bibel ist voller bunter Menschen. In der Advent- und Weihnachtszeit wird viel von ihnen erzählt. Sie werden als Frauen und Männer geschildert, in denen das Schicksalhafte jeder menschlichen Existenz aufleuchtet. Aber gerade das bleibt oft verborgen, weil die Tradition diese Gestalten auf Heiligenpodeste gestellt hat. Sie sind in den Himmel entrückt. Dort sind sie uns fern und berühren uns nicht mehr.

Von Hoffnungen und Ängsten

Die Ö1 Sendereihe "Lebenskunst" möchte diese Menschen von ihrem Podest holen. Maria und Josef, Elisabet und Hanna, die weisen Seher und der ohnmächtig um sich schlagende Herodes sollen wieder als Menschen erfahrbar werden. Mit ihrer Freude und Hoffnung, mit ihrer Trauer und Angst, mit ihren Erwartungen an die Zukunft und ihrem Scheitern in der Gegenwart.

Da ist Maria, die junge Frau aus Nazareth, die sich ihr Leben wahrlich anders vorgestellt hat. Sie ist verlobt mit Josef, und schon bald soll Hochzeit gefeiert werden. Die unerwartete Schwangerschaft trifft sie wie ein Hammerschlag des Schicksals. Ihre Träume vom Glück im Haus des angesehenen Zimmermanns scheinen ein für alle Mal ausgeträumt.

Maria und Elisabet

Da ist Elisabet, ihre Base und beste Freundin. Sie hat genau das Gegenteil erlebt: Was es für eine Frau dieser Zeit in Israel bedeutet, kein Kind zu bekommen. Aber sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, ganz im Unterschied zu ihrem längst frustrierten Mann, dem Tempeldiener Zacharias.

In einer ergreifenden Szene schildert Lukas die Begegnung der beiden Frauen. Maria eilt zu ihrer Verwandten - voller Not wegen des Kindes, mit dem sie schwanger ist. Elisabet aber tut ihr den leuchtenden Horizont auf, den jedes neue Menschenleben in diese Welt bringt. Sie eröffnet der jungen Frau, was es heißt, "gesegneten Leibes" zu sein. Elisabet hat es selbst in ihrem hohen Alter noch erfahren dürfen und geht jetzt vor Freude über.

Ausgerechnet ein paar Ausländer sehen mehr

Als verblendete Menschen begegnen uns in der Adventzeit der Wirt und König Herodes. Der Wirt macht das Geschäft seines Lebens, weil Hunderte Steuerpflichtige nach Betlehem strömen. Da ist kein Platz für eine Hochschwangere. "Das Boot ist voll", sagt er, so wie es auch heute heißt.

Aber ausgerechnet ein paar Ausländer sehen mehr. Ein Stern ist ihnen aufgegangen, und sie sind ihm nach Jerusalem gefolgt. Herodes wird bei dieser Nachricht angst und bange. Er kann in seinem machtpolitischen Lavieren zwischen Rom und Palästina einen zusätzlichen Störenfried brauchen. Er reagiert auf die Nachricht über den künftigen König, wie Machthaber reagieren: Angriff ist die beste Verteidigung. Dieses Kind muss sterben. Sofort.

Ob der Kindermord von Betlehem historisch ist oder nicht, ist hier nicht die Frage. Genauso wenig, ob Jesus in Betlehem geboren wurde oder in Nazareth. Was die großen Gestalten der Bibel im Advent erzählen, geht weit über nebensächliche historische Details hinaus. Menschlich gesehen verdichtet sich in ihnen die zentrale Weisheit der Bibel: dass Jesus gekommen ist, um die Fülle des Lebens zu verkünden.

Text: Josef Bruckmoser