Mann steht hinter Frau mit Pelzkappe

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"Syonymes" - Das Abstreifen einer Identität

Ein junger Israeli will sein Land und seine Identität hinter sich lassen und wandert nach Frankreich aus. Das ist die Geschichte des Films "Synonymes" und zugleich auch die Geschichte des israelischen Regisseurs Nadav Lapid. Bei der heurigen Berlinale wurde Lapid für "Synonymes" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Mittagsjournal | 03 12 2019

Benno Feichter

Yoav steht in Paris, blättert in einem Wörterbuch und spricht dann direkt in die Kamera: Er habe Israel hinter sich gelassen, denn dieser Staat sei "vulgär, obszön, ignorant, idiotisch, scheußlich, erbärmlich, abstoßend, verachtungsvoll, sündhaft, bestialisch und böse."

In Frankreich leben und sterben

Anfang der 1990er Jahre war es Nadav Lapid selbst, der diesen Schritt wagte. Nach seinem Militärdienst begann er ein Philosophiestudium in Tel Aviv, bis er eines Tages das Gefühl gehabt habe, Israel für immer verlassen zu müssen: "Etwa zehn Tage später bin dann auch schon am Flughafen Charles-de-Gaulle gelandet. Ich hatte keinen Plan und keine Papiere, kannte niemanden und konnte kaum Französisch. Ich wusste nur, dass ich in Frankreich leben, sterben und begraben werden will."

Und wie seine Hauptfigur Yoav, wollte auch Lapid fortan kein Wort hebräisch mehr sprechen. Der Verzicht auf die eigene Sprache, als härtester Bruch mit der eigenen Kultur und Identität. Radikal in der Atmosphäre, der Sprache und den Bildern entwirft Lapid in "Synonymes" ein elliptisch erzähltes Stimmungsbild. Der junge Mann zwischen den Kulturen und zwischen harten Schnitten die provokant formulierte Frage, ob sich ein altes Leben abstreifen lässt wie die alten Kleider.

Zwei Männer und eine Frau sitzen auf einer Wiese

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Kritik und Verbundenheit

In der ersten Szene findet sich Yoav nackt in einer leerstehenden Pariser Altbauwohnung wieder. Alles was vom alten Leben geblieben ist, ist der durchtrainierte Körper, den er später prostituieren wird. Ein junges Paar rettet ihn und stattet ihn mit neuen Kleidern aus. Bezahlen wird er mit den Geschichten, die er erzählt: von Troja, Achilles und dem eigenen Militärdienst.

Yoav wird so Teil einer intellektuell aufgeladenen Dreiecksbeziehung, die wie eine überzeichnete Metapher für das Selbstverständnis der französischen Kultur gelesen werden kann, die Lapid durch die Augen des Neuankömmlings spielerisch seziert. Zugleich wird Yoav mit dem Nationalstolz der israelischen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes konfrontiert, für den er zu arbeiten beginnt.

Wenn Nadav Lapid auf die vielen jungen Israelis angesprochen wird, die das Land in den letzten Jahren verlassen haben, äußert er Verwunderung darüber, dass viele auch geblieben sind: "Junge Menschen, die bleiben. Die eine politische Situation respektieren und sich mit ihr identifizieren, die eigentlich nicht akzeptierbar ist." Der 44-jährige Filmemacher ist im Gegensatz zu seiner Hauptfigur nach Israel zurückgekehrt: "Israel fordert von dir bedingungslose Liebe und Loyalität ein - ohne jegliche Vorbehalte. Mein Film ist Ausdruck einer kritischen Haltung, aber er zeugt auch von einer großen Verbundenheit. Sonst bräuchte es nicht diese Aggressivität, mit der sich Yoav von seiner Herkunft loszureißen versucht, die letztlich Ausdruck genau dieser Verbundenheit ist."

Wenn Yoav am Ende mit Inbrunst die französische Nationalhymne singt, so wirkt das martialischer, als die Szenen aus seinem Militärdienst in Israel.

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