"Woyzeck" nach Georg Büchner

Hörspielfassung von Stefan Weber. Mit Katrin Thurm, Markus Meyer, Matthias Mamedof, Wolfgang Hübsch und Matthias Franz Stein. Sounddesign und Regie: Der Autor (Autorenproduktion im Auftrag des ORF 2019)

"Woyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln", sagte der Schriftsteller Alfred Kerr über Georg Büchners Vorwegnahme des modernen Antihelden. Woyzeck sei "ein Behandelter, nicht ein Handelnder". Vom Doktor als Casus missbraucht, vom Hauptmann und vom Tambourmajor mit weiteren Formen der Ignoranz bedrängt, bleibt dem Soldaten Woyzeck nur seine Marie, gleichsam als Hafen.

Nachdem sie, die Mutter seines unehelichen Sohnes, ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat, öffnet sich dem Gehörnten endlich der Horizont: Er entkommt den Demütigungen, den Qualen und Verwundungen, die ihm die Gesellschaft beigefügt hat, mittels Mord an der Geliebten.

"Vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie" Heiner Müller

In mehr als vierhundert Theaterinszenierungen ging Büchners Drama bisher über die Bühne. Es diente als Vorlage für Oper und Ballett, für Filme von namhaften Regisseuren und für zwei Hörspiele, zuletzt Leonhard Koppelmanns Bearbeitung im Jahr 2006. Der Regisseur und Klangkünstler Stefan Weber hat den Stoff erneut für das Hörspiel bearbeitet.

Georg Büchner schrieb den "Woyzeck" in seinen letzten Lebensmonaten, er starb 23-jährig im Jahr 1837. Das Stück blieb ein Fragment. Büchner nimmt in Form und Sprache den Existenzialismus vorweg, der hundert Jahre später den Menschen literarisch auf sich selbst zurückwirft. Der realen Figur, dem Johann Christian Woyzeck, hat sich Stefan Weber in einem Feature für unsere Sendereihe "Tonspuren" am vergangenen Dienstag gewidmet - nachzuhören unter oe1.orf.at, "7 Tage Ö1".

Sprach- und Klangscherben

Georg Büchner verwandelt die Geschichte jenes Mörders in eine bis ins Innerste und Äußerste literarische Figur, "vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie", wie Heiner Müller es formuliert hat. Dem Geworfenen, dem von der Gesellschaft, ihrer Ordnung und Unordnung im Kleinen und im Großen Geschundenen, stellt sich die Welt, selbst seine geliebte Marie, als "umgestürzter Hafen" dar, wie es in dem Text heißt. Perdu ist alles Seelentauchen, wie es die Literatinnen und Literaten aller Epochen so gerne unternahmen. Das psychologisierende Moment bleibt ausgespart.

Wenn hier etwas taucht, dann nicht die Dichtung in der Menschenseele, sondern allenfalls die Seele in der Dichtung. Das Bild des "umgestürzten Hafens" bietet sich als Chiffre an, die nicht bloß von Schuldumkehr erzählt, sondern alle Fragen von Moral verwirft. Was bleibt, ist eine bereits von Büchner ausgemusterte, eine leere Welt, deren Restlichter hier über Sprach- und Klangscherben aneinander vorbeigeworfen werden.

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