Frederico Fellini

AP/BRUNO MOSCONI

Zum 100. Geburtstag von Federico Fellini

Wenn Wirklichkeit und Fantasie gemeinsam tanzen.

Gemeinsam mit Regisseuren wie Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergmann oder Jean Luc Godard war der 1920 in Rimini geborene Federico Fellini einer der zentralen Wegbereiter der filmischen Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Kulturjournal | 17 01 2020

Benno Feichter

Von den Anfängen als Drehbuchautor im italienischen Neorealismus nach dem Zweiten Weltkrieg, bis zu seinem Tod im Jahr 1993 schuf Fellini sein ganz eigenes, oft autobiografisch durchdrungenes Universum, aus dem er seine Geschichten herauserzählte. Am 20. Jänner wäre Federico Fellini 100 Jahre alt geworden. Ö1 erinnert an den großen Geschichtenerzähler und Fantasten.

Die Welt erzählen

So leid es ihm tue: er habe als Filmemacher einfach keine Botschaft an die Menschheit. Die Welt erklären, das wollte Federico Fellini nicht, er wollte sie erzählen. Und nicht irgendeine, sondern seine Welt, in der er Wirklichkeit und Phantasie, Traum und Erinnerung eng umschlungen über die Leinwand tanzen ließ.

Marcello Mastroianni als Alter Ego

Am Ende des Films "Otto e mezzo - Achteinhalb" holt sie Guido Anselmi, der in einer Sinnkrise steckende Regisseur, mit dem Fellini von sich selbst erzählte, alle auf die Bühne: die Mutter, die Frau und die Geliebte, das Filmteam, den Magier und sogar sich selbst als kleinen Buben. Mit seinem Marcellino, seinem Alter Ego Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, jongliert Fellini Sehnsüchte, Ängste und Selbstzweifel.

Mit der Kamera und dem Licht als Reiseführer durch die Episoden, in denen Erträumtes und Reales, Gegenwart und Vergangenheit gleichwertig nebeneinanderstehen. Wenn man nur ehrlich von sich selbst erzähle, dann könne das jeder verstehen, erklärte Fellini einmal dieses Kunststück, ein so persönlich angepinseltes Universum, für jede und jeden erfahrbar zu machen.

Von der Realität der Straßen in die Kulissen von Cinecittà

Begonnen hat Fellini einst als Drehbuchautor im Neorealismus. Er schrieb für Rossellini, Germi und Pasolini. Reparierte, wo sich andere in Sackgassen geschrieben hatten, bevor er selbst am Set zum Dirigieren begann. So laut, wie man es ihm vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Und schon in seinen ersten Regiearbeiten deutete Fellini behutsam die Tür zum Fantastischen an, die sich langsam öffnete.

Da schaukelt der weiße Scheich und dort gleitet die Kamera über die Schlafenden, wenn sich der Protagonist in "I vitelloni - Die Müßiggänger" am Ende aus der Kleinstadt verabschiedet. Der Zug fährt ab, seine Gedanken noch nicht.

Spätestens ab "La strada - Das Lied der Straße" habe Fellini dann seine radikal eigene Filmsprache etabliert, meinte Martin Scorsese in einem Interview wenige Tage nach Fellinis Tod. Danach löste Fellini seine Geschichten immer öfter in einer Episodenstruktur auf. Mit der Musik Nino Rotas, den üppigen Studiokulissen Cinecittàs und mit immer stilisierteren Bildern und Figuren, habe er seine eigene Welt kreiert, analysierte Scorsese.

Von Rimini nach Rom und wieder zurück

Mit den Theorien C.G. Jungs ging Fellini hinein in die Psyche seiner Figuren und zeichnete dabei wieder und wieder seine eigenen Reisen nach. Von Rimini nach Rom und wieder zurück. In "Roma" erzählt er von seiner Ankunft in der ewigen Stadt, zwischen Modeschauen von Kardinalsroben und einer nächtlichen Begegnung mit Schauspielerin Anna Magnani. Schließlich das archaisch dekadente Rom aus "Satyricon" oder die Reise zurück in das Rimini seiner Kindheit in "Amarcord" - erzählt, nicht ohne zu flunkern und dazu zu dichten. Später meinte Fellini, dass sich für ihn sein erträumtes Rimini vielleicht sogar echter anfühle, als die reale Stadt. Aber Erinnerung schließe eben auch ein, was man nicht gemacht, was man sich nur erträumt habe - wie auch die Perspektiven, die sich im Laufe des Lebens verändern.

Mamma, putana e santa - die Frauen bei Fellini

"Ich will eine Frau", schreit der psychisch angeschlagene Onkel in "Amarcord" vom Baum herunter. Die Frauen: es gibt kaum etwas, das sie bei Fellini nicht waren. Diven und Heilige, Mütter und Prostituierte, Intellektuelle und wieder Diven. Frauenfiguren, mit denen es Fellini heute - Stichwort Geschlechterpolitik und Feminismus - teils wohl schwer gehabt hätte.

Anita Ekberg und Giulietta Masina

Anita Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen, eine fast schon kitschig ikonische Szene. Männerphantasien die Baden gehen und so viel Fellini: die Frauen, Rom, die traumwandlerische Leichtigkeit und die Sehnsüchte, die sich nicht einlösen werden. Gerne erzählte Fellini von der vollbusigen Prostituierten Saraghina, die dem kleinen Federico am Strand für ein paar Lire ihren Busen zeigte und natürlich auch ihren Weg auf die Leinwand fand. Und dann war da noch Giulietta Masina, seine Ehefrau, die so unschuldige, fast engelhafte Gestalten wie die Gelsomina aus "La strada" spielte. Frauenfiguren die Hauptfiguren waren. Als Fellini 1993, wenige Monate vor seinem Tod, den Ehrenoscar erhielt, dankte er namentlich nur ihr.

Es war sein fünfter Oscar, nachdem "La Strada", "Die Nächte der Cabiria", "Achteinhalb" und "Amarcord" jeweils mit dem Academy Award für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet worden waren. Dazu kamen unter anderem eine goldene Palme für "Dolce Vita" in Cannes, zwei silberne Löwen und ein Ehrenlöwe in Venedig.

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Im Jahr 2020 finden mehrere Kulturreisen nach Rom und Umgebung statt, u.a. zur Flimstadt Cinecittà
Ö1 Reisekatalog

Federico Fellini: Denken mit Fellini
Aus Gesprächen Federico Fellinis mit Journalisten
Diogenes Verlag

Federico Fellini: Fellini
Ein intimes Gespräch mit Giovanni Grazzini
Diogenes Verlag

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